Versos German Adolf Glaßbrenner Variationen zum Leierkasten

German poem

Variationen zum Leierkasten

by (1810–1876)

Listen in the reader

Guter Mond, du gehst so stille Ueber Deutschlands Fluren hin Vetter Michel rückt die Spille, Greift sein Weibchen unter's Kinn; Nimmt das Amtsblatt, streckt die Glieder Und spricht gähnend: 's ist schon Zehn Morgen kochst du Klöße wieder; Laß' uns jetzt zu Bette gehn.

Guter Mond, du gehst so stille Ueber Deutschlands Fluren hin! Doctor Bos legt ab die Brille, Denkt des Tages Hochgewinn; Einer Ode von Horazen Gab er neuen Commentar; Froh bringt er, nach den Strapatzen, Morpheus nun sein Opfer dar.

Guter Mond, du gehst so stille Ueber Deutschlands Fluren hin! Vor der alten Hauspostille Sitzt die fromme Kupplerin; Von Theater-Liebsgeschichtchen Kehret heim der Intendant; Drüben ist das Dreierlichtchen Beim Studenten abgebrannt.

Guter Mond, du gehst so stille Ueber Deutschlands Fluren hin! Des Ministers letzter Wille Zeugt von höchst loyalem Sinn: Hundert Schriften sind verboten, Sagt das neue Abendblatt; Auch find't künftighin bei Todten Nur censirtes Reden Statt.

Guter Mond, du gehst so stille Ueber Deutschlands Fluren hin! Seine Durchlaucht liest Pasquille Auf Höchst Ihre Buhlerin; Dafür macht er null und nichtig, Was die Stände woll'n und thun; Denkt noch der Parade flüchtig, Und geruhet dann zu ruhn.

Guter Mond, du gehst sehr stille Ueber's stille Deutschland hin! Zirpen hört man schon die Grille; Stumm ist jeder Lebenssinn. Selbst die Orgeltöne rasten, Weil ihr Herr nicht drehen will, Und der deutsche Leierkasten Steht auf ein'ge Stunden still.