German poem
Maiblumen
by Albert Traeger (1830–1912)
Die weite Stadt auf nacktem Fuße Durchwandert sie von Haus zu Haus Und bietet scheu mit blödem Gruße Des Lenzes liebste Kinder aus: „Maiblumen kauft! Kauft aus Erbarmen, Auf Stroh der Vater sterbend liegt, Die Mutter auf den welken Armen Ein schmachtend Kind in Thränen wiegt!“
Ist das des Frühlings erstes Grüßen, Ein Weheschrei der bittern Noth? Sie feilscht mit seinem Duft, dem süßen, Um einen Bissen trocken Brod; Maiglöckchen, Perlen, die voll Liebe Der Braut in’s grüne Haar er flicht, Wie, darum sproßten eure Triebe, Daß ein verhungernd Kind sie bricht?!
Und dieses Kind – die zarten Glieder Verhüllen schlechte Lumpen kaum, Das blaue Auge spiegelt wieder Des jungen Lenzes schönsten Traum. Die Locke schließt mit goldnem Rahmen Ein rührend Bild der Unschuld ein, Und selber rufst Du Deinen Namen, Du Maienblume zart und rein.
Der Mutter Wangen, hohl und mager, Verblichen in der dumpfen Luft, Den Vater auf dem Sterbelager Umwehest Du mit frischem Duft, Und wie vom Hauch des Abendwindes Das Maienglöckchen sanft erklingt, So tönt’s um sie, wenn ihres Kindes Gebet sich auf zum Himmel schwingt.
Die zarte, lenzentsproßte Blüthe, Die Gott so hold und rein erschuf, Daß treu sein Auge Dich behüte, Mitleid erwecke Dir Dein Ruf: „Maiblumen kauft! Kauft aus Erbarmen, Auf Stroh der Vater sterbend liegt, Die Mutter auf den welken Armen Ein schmachtend Kind in Thränen wiegt!“