Versos German Alexander Baumgartner Der Rabe

German poem

Der Rabe

by (1841–1910)

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Der Rabe.

Mitternacht war’s, dumpf und schaurig. Als ich müd’ und matt noch träumte Ueber sonderbaren Büchern, Weisheit längst verscholl’ner Zeit – Als ich nickte, fast entschlummert; Plötzlich da erscholl ein Klopfen, Wie wenn einer leise pochte, Pocht’ an meiner Zimmerthür. „Ein Besucher ist’s,“ so brummt’ ich, „Pochend an der Zimmerthür – Das nur ist’s und weiter nichts.“

Ach! Genau ich mich entsinne, Im December war’s, dem fahlen. Jede Kohle sterbend malte Ihr Gespenst hin auf die Flur. Sehnend wünscht’ ich, es wär’ Morgen; Denn vergeblich in den Büchern Sucht’ ich Trost in meiner Trauer Um die todte Leonor, Um die Maid, die selt’ne, lichte, Engel nennen sie Lenor Namenlos hier immerdar.

Jedes düst’re, vage Rauschen In des Purpurvorhangs Seide Füllte schrill mich mit phantast’schen Schrecken, nie gefühlt zuvor. Um das Klopfen meines Herzens Drum zu stillen, wiederholt’ ich: „Ein Besucher ist’s, der fordert Einlaß an der Zimmerthür, Das nur ist’s und weiter nichts.“

Jetzt ward meine Seele muth’ger, Und ich zauderte nicht länger. „Madam oder Herr!“ so sprach ich, „Um Vergebung bitt’ ich sehr, Aber ich war eingeschlummert, Als so leis Sie kamen klopfen, Als so schwach Sie kamen pochen, Pochen an der Zimmerthür, Daß ich glaubte, mich zu täuschen – –“ Weit riß ich die Thür nun auf Dunkel nur und weiter nichts.

Tief hinein ins Dunkel starrend, Stand ich lange, staunend, fürchtend, Zweifelnd, Wunderträume träumend, Die ich früher nie gewagt. Doch rings blieb es todtenstille, Und die Stille gab kein Zeichen, Und kein Wort erscholl, nur eines, Das ich lispelte: „Lenor!“ Und ein Echo bracht’ mein Lispeln Dumpfer mir zurück: „Lenor!“ Dies allein – und weiter nichts.

Und ich ging zurück ins Zimmer, In mir brannte heiß die Seele, Wied’rum hörte ich das Pochen Etwas lauter als zuvor. „Sicher,“ sprach ich, „sicher ist das Etwas an dem Fenstergitter. Laß mich sehen, was es da gibt, Und dem Räthsel forschen nach; Laß mein Herz ein wenig rasten Und dem Räthsel forschen nach: ’s ist der Wind und weiter nichts.“

Offen macht’ ich nun den Laden, Als mit Rascheln und Geflatter Kam herein ein mächt’ger Rabe Wie aus alter, heil’ger Zeit. Nicht den kleinsten Knix er machte, Kein Minütchen blieb, noch ruht’ er, Vornehm, gleich Lord oder Lady, Flog er nach der Zimmerthür, Flog auf der Minerva Büste Just ob meiner Zimmerthür. Flog und saß – und weiter nichts.

Dann entlockt’ der schwarze Vogel Meinem düstern Geist ein Lächeln Durch die ernste, strenge Würde, Die sein Wesen trug zur Schau. „Ist dein Kamm dir auch geschoren,“ Sprach ich, „bist du doch nicht feige, Grimmer, alter Geisterrabe, Wandernd aus dem Reich der Nacht. Welchen hohen Namen trägst du In der Nacht pluton’schem Reich?“ – Sprach der Rabe: „Nimmermehr.“

Sehr erstaunt hört’ ich den plumpen Vogel mir so deutlich sprechen, Ob auch wenig Sinn die Antwort, Wenig Wichtigkeit besaß. Denn wir müssen doch gestehen, Daß kein Mensch lebt, der noch jemals Einen Vogel hat gesehen Ueber seiner Zimmerthür, Vogel – Thier – auf einer Büste – Just ob seiner Zimmerthür – Mit dem Namen: „Nimmermehr.“

Doch der Rabe, auf der stillen Büste sitzend, sprach dies eine Wort nur, gleichsam seine Seele Legend in das eine Wort. Nichts ließ weiter er vernehmen, Keine Feder ließ er rascheln, Bis ich endlich lauter murrte: „And’re Freunde längst mich floh’n, Morgen wird auch er mich lassen, Wie mein Hoffen schwand bevor.“ Sprach der Vogel: „Nimmermehr.“

Staunend hörte ich das Schweigen Durch so treffend Wort gebrochen. „Traun,“ sprach ich, „was er geäußert, Ist sein ganzes Kapital, Aufgerafft bei einem Lehrer, Dem das Unglück auf den Fersen Herzlos immer näher rückte, Bis ein einzig Lied ihm blieb, Bis der Hoffnung Trauermärsche Wichen dem Verzweiflungslied: „Nimmermehr – ach, nimmermehr!“

Doch der Rabe noch entlockte Meinem düstern Geist ein Lächeln, Stracks rollt’ ich den Polstersessel Hin vor Vogel, Büste, Thür. Dann mich in den Sammet senkend, Spann ich Traum an Traum, bedenkend, Was das grimme, geisterhafte, Plumpe, hag’re Unglücksthier Meinte mit dem „Nimmermehr.“

Dieses sucht’ ich zu ergründen, Doch verrathend keine Silbe Vor dem Thier, dess’ Feueraugen Brannten mir durch Mark und Bein. Dies und mehr saß ich erwägend, Mit dem Haupt bequem mich lehnend Auf des Kissens Sammethülle, Das die Lampe matt beschien, Dessen Purpursammethülle Mit dem matten Glanz darüber Sie wird drücken nimmermehr.

Dann schien mir, ich athme Weihrauch, Duftend aus verborg’nen Schalen; Engel schwangen sie; ihr Fußfall Tönte auf der weichen Flur. „Aermster!“ rief ich, „Gott gewährt dir Jetzt durch seine Engelsboten Linderung und süße Labe In der Trauer um Lenor. Schlürfe, schlürf die süße Labe Und vergiß, vergiß Lenor!“ Sprach der Rabe: „Nimmermehr.“

„Seher!“ sprach ich, „böses Wesen! Seher, ob Thier oder Teufel! Ob dich der Versucher sandte Oder Sturm verschlug zu mir, Traurig, aber unerschrocken In dies spukgequälte Oedland, In dies Heim, wo Schreckniß waltet, Ich beschwör’ dich, sag mir klar, Gibt’S in Gilead, gibt es Hoffnung? – – Ich beschwör dich, sag mir’s klar!“ Sprach der Rabe: „Nimmermehr.“

„Seher!“ sprach ich, „böses Wesen! Seher, ob Thier oder Teufel! Bei dem Himmel uns zu Häupten, Bei Gott, der uns beide schuf, Sag der schmerzbelad’nen Seele, Wird sie einst im fernen Eden Selig nah’n der Maid, der heil’gen, Engel heißen sie Lenor, Selig nah’n der Maid, der hehren, Engel nennen sie Lenor.“ Sprach der Rabe: „Nimmermehr.“

„Sei dies Wort Signal zum Scheiden, Vogel oder Teufel!“ schrie ich. „Kehr hinaus in Sturm und Wetter, In der Nacht plutonisch Reich! Laß zurück mir keine Feder Als ein Zeichen deiner Lüge, Laß allein mich, ungebrochen Von der Büste komm herab! Fort! aus meinem Herz den Schnabel! Fort! von meiner Thür dein Bild!“ Sprach der Rabe: „Nimmermehr.“

Und der Rabe, nicht sich mucksend, Sitzt noch immer, sitzt noch immer Auf Minerva’s blasser Büste Just ob meiner Zimmerthür. Und sein Auge sticht so bohrend, Wie ein Dämon auf der Lauer, Und die Lampe, ihn beleuchtend, Malt sein Schattenbild am Grund – – Und nie wird sich wieder heben Aus dem Schattenbild am Grund Meine Seele – nimmermehr!