German poem
Die Eintagsfliege
by Alois Wohlmuth (1849–1930)
Im Jahr des Heils, am achten Mai, Ward sie geboren früh um drei. Die Kinder-, Schul- und Jugendzeit, Bis zur vollkomm’nen Mündigkeit, Beanspruchten zwei volle Stunden. Kaum war sie reif zum Flug befunden, Begann nach allgemeiner Mode Bei ihr die Sturm- und Drangperiode: Die währte, bis es zehn Uhr war. Die Sonne schien so warm und klar Und weckte ihre Liebesglut: Sie wirbelte in toller Wut Durch Wiesen, Felder, Wald und Flur Bis gegen ein-dreiviertel Uhr Und hat dabei den Keim gegeben Zu manchem neuen Eintagsleben. Um zwei Uhr trat schon Ruhe ein; – Den Schwestern, welche erst um neun, Geboren, gab sie gute Lehren Und kam zu Würden und zu Ehren. Das währte bis um fünf – darnach Ward sie allmählich altersschwach. Voll war die siebente Stunde kaum, Da fiel sie tot herab vom Baum – Und hat in diesem Tag erfahren, Was unsereins mit siebzig Jahren.