German poem
Sie begehrt sein Angesicht zu sehen
by Angelus Silesius (1624–1677)
Zeige mir dein Angesicht, Schönster Nazarener, Weil mir deiner Augen Licht Lieber ist und schöner Als der klarste Maienschein Und der Himmel selbst mag sein.
Laß mich sehen deinen Glanz, Ungeschaffne Sonne, Daß ich dich betrachte ganz, Ewge Seelenwonne. Laß mich sehen die Gestalt, Die kein Alter machet alt.
Ach, wie selig ist die Braut, Die du angeblicket, Die dein Antlitz hat geschaut, Die du so erquicket! Denn was sollt ihr lieber sein Als des Bräutgams Augenschein?
Was für Freude muß die Schar Deiner Heilgen haben, Die sich nun schon ganz und gar Mit dem Anschaun laben! Denen keinmal mehr gebricht Dein verklärtes Angesicht.
O du Strahl der Herrlichkeit, Unbefleckter Spiegel, Bildnis der Dreifaltigkeit, Ewger Schönheit Siegel, Wanne werd ich würdig sein, Zu beschauen deinen Schein?
Wanne wird mich dieser Strahl Von der Erd erheben, Daß ich in des Himmels Saal Mög ersättigt leben? Daß ich schau, was ich so oft Hab gesucht und angeruft.
Zeige mir dein Angesicht, Allerliebste Seele, Weil mir doch kein ander Licht Gnügt in dieser Höhle. Denn dein Antlitz ist allein, Was mir ewig gnug kann sein.
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