German poem
Sie sehnt sich, seinen Mund zu küssen
by Angelus Silesius (1624–1677)
Du Allerschönster, den ich weiß, Du meiner Augen Paradeis, Du Süßer, dem ich mit Verlangen Von Jugend auf bin nachgegangen, Vergönne mir, daß ich dich küsse Und deines Munds einmal genieße.
Es ist zwar viel, daß ich zu dir Mich nahen darf mit der Begier. Du aber hast mir selbst, mein Leben, Zu dieser Kühnheit Ursach geben, Weil du in meiner Menschheit Orden Mein nächster Freund und Bruder worden.
Ich danke dir wohl, daß du mich Hast angeblickt genädiglich Und nach der Huld bei deinen Füßen Die heilgen Hände lassen küssen. Wirst du mich aber nicht erheben Zum Mund, so hast du nichts gegeben.
Dein Mund, o Jesu, soll allein Das Ende meiner Liebe sein. Und ob sich zwar die Seraphinen, Ihn zu berühren, nicht erkühnen, Schätz ich doch mich dazu geboren, Weil du mich hast zur Braut erkoren.
So laß mich denn nach diesem Bund Erreichen deinen Rosenmund. Erhebe mich, daß ich ihn küsse Und seines Honigseims genieße, Damit sich ende mein Verlangen, Das mich von Jugend hat gefangen.
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