German poem
Bei dem jubelvollen Empfange der Königin
by Anna Louisa Karsch (1722–1791)
Die ihr euch nie den Nordwind laßt entkleiden, Ihr Tannenwipfel, bücket euch; Empfangt die Königin, und seht des Volkes Freuden, Und rauscht mit ihm zugleich!
Unüberzählbar wälzet sich die Menge Dicht aneinander durch das Thor. Von zehen tausend Zungen steigt, wie Lobgesänge, Ein frommer Zank empor.
Welch ein Getümmel! Aller Blicke wollen Auf einmal in Ihr Angesicht, Jetzt kommt Sie; sehet da den Strom von Thränen rollen, Der mehr als Worte spricht!
Vermischte Stimmen rufen unaufhörlich; »Der Friede schwebet über Ihr; Der Sieger kommt; Sein Thron, Sein Land bleibt unzerstöhrlich; Glückselig bleiben wir!« –
Und ich vergesse meines Saitenspieles Gewohnte Töne; mich entreißt Den Musen, dem Apoll, der Aufruhr des Gefühles. Ich werde lauter Geist,
Und schwimme durch die Wellen des Gedränges, Zum Purpursessel, der Sie trägt: Sie lächelt mir, und horcht, wie stark mein viel zu enges Durchdrungnes Herze schlägt.
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