German poem
Erinnerung und Fragen an die Königin
by Anna Louisa Karsch (1722–1791)
Vergieb, o Königin! Mein Herz entschliesset sich, Kommt vor Dein Angesicht getreten, Verschlinget Deinen Blick, wird kühn und fraget Dich: Hat schon Dein grosses Herz für mich, Den Bruder und den Held gebethen? Hast Du mein Lied an Ferdinand In Deinen Brief gehüllt, und also fortgesandt? Darf ich der armen Bergstadt sagen, Daß Deine Seele, Königin! Gerühret sey von ihren Klagen? Verzeyhst Du mir, daß ich verwegen bin, Halb ungeduldig Dich zu fragen?
Ach siehe doch, der Herbst entflieht mit kürzern Tagen Allzugeschwind, und bald verhüllt Die Sonne sich, mit kalter Wolke! Wenn denn der rauhe Nord vom Harzgebürge brüllt; Dann machet er dem armen Volke Das in dem Bretterhause sitzt, Die Glieder kalt und starr, daß frommer Andacht Feuer Kaum noch des Hörers Herz erhitzt.
Frau, ich beschwöre Dich bey allem, was Dir theuer In Deines Herzens Augen jemals war! Bey Friedrichs Leben! bey dem Leben Des Prinzen, der nach Ruhm zu streben, Nicht achtet Kugeln und Gefahr! Und bey dem Frieden, den das Jahr Das wir erwarten mit sich bringet! Bey jeder Heldenthat, die Deinem Ferdinand Wenn er sie unternimmt, gelinget! Verschaffe, daß von seiner Hand Das Haus gebauet wird zu unsers Gottes Preise! Es bringt dem Helden grössern Ruhm, Als wenn ein Sieg ihn schmückt mit frischem Lorbeerreise. Dein Bildniß soll das Heiligthum An einem hohen Pfeiler schmücken; Und wenn die Kinder einst neugierig es beblicken, Denn lobt der Mutter Mund noch Ferdinandens That, Und rühmt die Königin, die ihren Bruder bath.