German poem
Gesang und Kuß
by August Wilhelm Schlegel (1767–1845)
Wenn fremde Blicke wachsam uns umgeben, Und unsre tiefe Sehnsucht, ungestillt, Sich in der Heiterkeit Geberde hüllt, Und leise kaum den Busen wagt zu heben:
Dann ist nur eins, o mein geliebtes Leben! Was mein Gemüth mit Wonn' und Ahndung füllt: Die Melodie, so deinem Mund' entquillt, Der seelenvollen Töne sanftes Schweben.
Wie Liebesodem fühl' ich den Gesang Auf diesen Lippen, die vergebens glühen; Zum Kuße wird mir jeder zarte Klang.
Und nenne dieß nicht eitle Phantasieen. Vernehm' ich nicht im schweigenden Umfang Auch deines Herzens schöne Harmonieen?