German poem
Straße
by Bruno Wille (1860–1928)
An düster ragenden Häuserwällen Durch flammenbesäte steinerne Schlucht Branden die rasselnden Wagen, die Menschen – Wie Wellen in klippiger Meeresbucht – Der rote Vollmond taucht empor.
Die Menge wühlt und drängt und stößt; Jedweden kümmert nur seine Not – Wie auf dem Deck des lecken Schiffes, Das in den Tod zu sinken droht – Der rote Mond schaut düster drein.
Auf glattem Bürgersteige kauert – Gleichwie am Felsenriff das Wrack – Ein Mann mit vorgesunknem Kopfe, Zur Seite einen Lumpensack – Der Vollmond blickt mit düstrer Glut.
Die Leute auf dem Bürgersteige Treiben vorbei und blicken kalt; Die Pferdebahn beglotzt im Rollen Mit grünem Auge die Gestalt – Der rote Mond schaut düster drein.
Dort drüben lockt die blutige Flamme Dem Schnapswirt manchen Gast ins Haus; Und öffnet sich die dunstige Schenke, Dringt Schelten und Gejohl heraus – Der Vollmond blickt mit düstrer Glut.
Des Handelshauses Fensterreihe Ist noch vom Gaslicht grell erhellt; Papier und Pult und blasse Schreiber; Der Chef durchzählt des Tages Geld – Der Vollmond blickt mit düstrer Glut.
Nun heult vom Hofe die Maschine Zur Vesper; da entläßt das Thor Viel arbeitsmatte Blusenmänner; Nur der Fabrikschlot stößt empor Zum roten Monde schwarzen Rauch.
Ein würdiger Bürger kommt geschritten, Den Lump am Steige trifft sein Blick; Entrüstet mit dem Kopfe schüttelnd Geht er zu Bier und Politik – Und zornrot glüht der volle Mond.