German poem
Der Ruhm
by Christian Fürchtegott Gellert (1715–1769)
Was ist das Gut, nach dem du strebst, Der Ruhm, für den du denkst und lebst? Wags, du sein Freund, ihn zu betrachten! Gewährt er, was er dir verspricht, So bleib ihm treu. Gewährt ers nicht, So lern ihn dreist verachten.
Welch Glück, wenn mich ein Grosser schätzt, Der Fürst an seine Seite setzt, Und laut mir seinen Beyfall schenket! Alsdann wird mein Verdienst bekannt; Dann denkt von mir das ganze Land Groß, wie mein Ehrgeitz denket.
Wer ist der Grosse, der dich ehrt? Sprich, kennt er der Verdienste Werth? Setz ihn im Geist aus seinem Stande! Vielleicht wird dir sein Beyfall klein; Vielleicht hältst dus, ihm werth zu seyn, Nunmehr für eine Schande.
Wenn itzt des Dichters Lobgedicht, Der Redner göttlich von dir spricht, Und laut dich die Geschichte preisen; Wenn, auf ihr Wort, die halbe Welt Dich für den größten Weisen hält; Wirst du darum zum Weisen?
Wächst deiner Tugend etwas zu, Gewinnet deines Geistes Ruh; Wenn viele deinen Namen hören? Bist du beglückt, in dir beglückt? Wenn Thor und Thörinn auf dich blickt, Und Länder dich verehren?
Suchst du den Ruhm nicht in der Pflicht, Giebt dir dein Herz den Beyfall nicht; Was wird dir andrer Beyfall nützen? Und hast du deinen Ruhm in dir; Was sorgst du kummervoll dafür, Den äussern zu besitzen?
Wenn jener deinen Namen liest, Gleichgültig nennt, und dann vergißt; Ist dieß ein schätzbar Glück zu nennen? Ist dieß die Welt, die von dir hört; Wenn gegen einen, der dich ehrt, Dich tausend noch nicht kennen?
Ist dieß des Nachruhms Ewigkeit; Wenn ein Scribent der Trockenheit Sich künftig an dein Leben waget? Und wenn dem Wandrer einst noch spät Der Stein, vor dem er müßig steht, Daß du zu früh starbst, saget?
Und ist das Glück so ungemein, Von einer Welt gerühmt zu seyn, Die oft den wahren Ruhm verkennet; Das Laster rühmet, wenn es gleißt, Die Wildheit Muth, den Unsinn Geist, Und Ehrsucht Grösse nennet?
Du strebst mit Eifersucht und Angst, Damit du ihren Ruhm erlangst, Wohlan, du sollst ihn schnell erstreben! Doch welch unsichres Eigenthum! Vielleicht reut bald die Welt der Ruhm, Den sie dir schnell gegeben.
Die Zahl der Klugen ist nicht groß. Verlangst du ihren Beyfall bloß, So such ihn still in ihrer Sphäre. Der Kluge sieht auf dein Verdienst; Und bist du das nicht, was du schienst, So bist du sonder Ehre.
Erwirb dir Tugend und Verstand; Nicht, um sie, von der Welt genannt, Mit eitlem Stolze zu besitzen. Erwirb sie dir mit edler Müh, Und halte dieß für Ruhm, durch sie Der Welt und dir zu nützen.
Nicht deines Namens leerer Schall, Nicht deiner Tugend Wiederhall Muß dich zu grossen Thaten stärken. Die Zeit, die Kräfte, grosser Geist! Die du so laut dem Ruhme weihst, Die weihe still den Werken.
Erfüllst du, was die Weisheit spricht, Und gleicht dein Eifer deiner Pflicht: So wird der Ruhm ihm folgen müssen. Und wenn dein Werth ihn nicht erhält: So giebt dir ihn, Trotz aller Welt, Doch ewig dein Gewissen.