Versos German Christian Fürchtegott Gellert Die Liebe des Nächsten

German poem

Die Liebe des Nächsten

by (1715–1769)

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So jemand spricht: Ich liebe Gott! Und haßt doch seine Brüder, Der treibt mit Gottes Wahrheit Spott, Und reißt sie ganz darnieder. Gott ist die Lieb, und will, daß ich Den Nächsten liebe, gleich als mich.

Wer dieser Erden Güter hat, Und sieht die Brüder leiden, Und macht den Hungrigen nicht satt, Läßt Nackende nicht kleiden; Der ist ein Feind der ersten Pflicht, Und hat die Liebe Gottes nicht.

Wer seines Nächsten Ehre schmäht, Und gern sie schmähen höret, Sich freut, wenn sich sein Feind vergeht, Und nichts zum Besten kehret; Nicht dem Verläumder widerspricht; Der liebt auch seinen Bruder nicht.

Wer zwar mit Rath, mit Trost und Schutz Den Nächsten unterstützet, Doch nur aus Stolz, aus Eigennutz, Aus Weichlichkeit ihm nützet; Nicht aus Gehorsam, nicht aus Pflicht; Der liebt auch seinen Nächsten nicht.

Wer harret, bis, ihn anzuflehn, Ein Dürftger erst erscheinet, Nicht eilt, dem Frommen beyzustehn, Der im Verborgnen weinet; Nicht gütig forscht, obs ihm gebricht; Der liebt auch seinen Nächsten nicht.

Wer Andre, wenn er sie beschirmt, Mit Härt und Vorwurf quälet, Und ohne Nachsicht straft und stürmt, So bald sein Nächster fehlet; Wie bleibt bey seinem Ungestüm Die Liebe Gottes wohl in ihm?

Wer für der Armen Heil und Zucht Mit Rath und That nicht wachet, Dem Uebel nicht zu wehren sucht, Das oft sie dürftig machet; Nur sorglos ihnen Gaben giebt; Der hat sie wenig noch geliebt.

Wahr ist es, du vermagst es nicht, Stets durch die That zu lieben. Doch bist du nur geneigt, die Pflicht Getreulich auszuüben, Und wünschest dir die Kraft dazu, Und sorgst dafür: so liebest du.

Ermattet dieser Trieb in dir: So such ihn zu beleben. Sprich oft: Gott ist die Lieb, und mir Hat er sein Bild gegeben. Denk oft: Gott, was ich bin, ist dein; Sollt ich, gleich dir, nicht gütig seyn?

Wir haben Einen Gott und Herrn, Sind Eines Leibes Glieder; Drum diene deinem Nächsten gern; Denn wir sind alle Brüder. Gott schuf die Welt nicht bloß für mich; Mein Nächster ist sein Kind, wie ich.

Ein Heil ist unser aller Gut. Ich sollte Brüder hassen, Die Gott durch seines Sohnes Blut So hoch erkaufen lassen? Daß Gott mich schuf, und mich versühnt, Hab ich dieß mehr, als sie, verdient?

Du schenkst mir täglich so viel Schuld, Du Herr von meinen Tagen! Ich aber sollte nicht Geduld Mit meinen Brüdern tragen? Dem nicht verzeihn, dem du vergiebst, Und den nicht lieben, den du liebst?

Was ich den Frommen hier gethan, Dem Kleinsten auch von diesen, Das sieht Er, mein Erlöser, an, Als hätt ichs ihm erwiesen. Und ich, ich sollt ein Mensch noch seyn, Und Gott in Brüdern nicht erfreun?

Ein unbarmherziges Gericht Wird über den ergehen, Der nicht barmherzig ist, der nicht Die rettet, die ihn flehen. Drum gieb mir, Gott! durch deinen Geist Ein Herz, das dich durch Liebe preist.