German poem
Sonnet über das Kupferblatt
by Christian Weise (1703–1743)
Was überflüssig ist begehr ich nicht zuschreiben, Doch ist nicht unser Hertz ein steter Uberfluß Da eine Fruchtbarkeit der andern folgen muß, Und was will in der Brust vor sich gefangen bleiben? So bald man frölich ist, da wachsen und bekleiben Die Rosen aus der Lust; kömmt Jammer und Verdruß, So grünt der Nessel-Strauch, der gründet seinen Fuß Und läst den scharffen Brand durch keine Macht vertreiben. Will uns das Glücke wol, so prangt die reiffe Frucht Des Trostes um und um; doch geht es in die Flucht: So muß das trockne Land auch dürre Zweige tragen. Deswegen halt ich nit des Hertzens Wachsthum auff, Und laß in Freud und Leid mir selbst den freyen Lauff. Ich mag mich als ein Mensch der Menschheit nicht entschlagen.