German poem
Jahrwende
by Clara Müller-Jahnke (1860–1905)
Am altersgrauen Baum der Zeit ist eine Blume abgeblüht, und eine Knospe tut sich auf.
Die Menschheit seufzt in gleicher Fron; von ihrer müden Stirne fällt der Schweiß in Tropfen erdenwärts.
Ihr Glaube aber träumt im Licht: vor ihren Sehnsuchtsblicken schwimmt das Morgenrot des neuen Tags.
Wie auch die Kette klirrt und drückt, der Zukunft Sturm zerbricht sie doch, – und jedes Jahr löst einen Ring.
Und jede Knospe, die erblüht am altersgrauen Baum der Zeit, birgt einen Keim der künftigen Frucht.
So grüß ich dich, du neues Jahr; du junge Knospe tu dich auf, und blüh' in lichtem Rosenrot!
Des Friedens milder Maienwind umspiele deinen vollen Schoß, der Liebe Geist befruchte dich!
Und deine Düfte gieße aus, – mit Blütenblättern kränze du der Menschheit tiefgefurchte Stirn.
In des Jahrhunderts Niedergang sei du ein lichter Zukunftstraum, sei du ein Gruß der neuen Zeit!