German poem
Der Rheinborn
by Conrad Ferdinand Meyer (1825–1898)
Ich bin den Rhein hinaufgezogen Durch manches schatt’ge Felsenthor, Entlang die blauen, frischen Wogen Zu seinem hohen Quell empor.
Dem hellsten Borne, weit und offen, Darin ein Ruder weinumlaubt Sich spiegle, wie ein heiter Hoffen, Entspring’ er leicht, hatt’ ich geglaubt.
Ich klomm empor auf schroffen Stiegen, Verwognen Pfaden, öd und wild, Und sah mir ihn zu Füßen liegen Als einen erzgegoßnen Schild.
Fernab von Heerdgeläut und Matten Lag er in eine Schlucht versenkt, Bedeckt von schweren Riesenschatten, Aus Eis und ew’gem Schnee getränkt –
Hier jauchzt kein Senn, hier schallt kein Reigen. In kurzen, dunkeln Wellchen geht Der See. Hier wird die Welt zum Schweigen, Wenn nicht ein Stein in Fall gerät –
Ein Sturz! Ein Schlag! Und aus den Tiefen Und aus den Wänden brach es los: Heerwagen rollten! Stimmen riefen Befehle durch ein Schlachtgetos!