German poem
Der Eroberer Wurm
by Edgar Allan Poe (1809–1849)
Im Weltenraum ist Galanacht. Im Theater sitzt gedrängt Eine Engelschaar in Festestracht, Verschleiert, zährendurchtränkt Und lauscht einem wechselvollen Stück, Wo Furcht und Hoffen sich drängt, Dieweil im Orchester Sphärenmusik Sich langsam hebt und senkt.
Gottähnliche Mimen murmeln leis Den Text und kommen und gehn Auf großer, formloser Wesen Geheiß, Die in den Coulissen stehn, Mit ernsten Geberden, feierlich stumm Die Wände schieben und drehn, Und mit ihren Flügeln in’s Publikum Unsichtbares Leiden wehn.
Dies Drama, wechselvoll, fieberisch, Es bleibt der Welt unverkürzt, Mit einem scheckig bunten Gemisch Von Tollheit und Sünde gewürzt, Dahinter sich lauter Elend und Graus Zum verworrenen Knoten schürzt, Und ein Phantom sich unter Applaus In das ewige Dunkel stürzt.
Doch sieh! eine Form aus ekler Brut Schleicht in den Mimenknäu’l – Ein kriechendes Unthier, roth wie Blut, Das sich windet und windet, dieweil Es nach und nach die Mimen verzehrt Unter der Opfer Geheul Und die Engelschaar ein Schauder durchfährt Ob solch unendlicher Greu’l.
Aus sind die Lichter – ausgeweht –, Mit der Wucht eines Sturmes fällt Der Vorhang, ein Leichentuch, sternbesät Ueber das bretterne Zelt. Die Engel erheben sich abgespannt Und erklären der bangen Welt, Daß die Tragödie „Mensch“ benannt Und der Eroberer „Wurm“ ihr Held.