German poem
Großes vermag der Verstand, er ersinnt und bildet und ordnet
by Emanuel Geibel (1815–1884)
Großes vermag der Verstand, er ersinnt und bildet und ordnet, Aber das Kunstwerk schweigt, aber die Ordnung ist tot. Prangt auch hehr das Gebild' in der Glieder entzückendem Gleichmaß: Nimmer vom Marmorgestell springt es errötend herab, Nimmer bewegt sich die atmende Brust, von der schwellenden Lippe Fließt, uns das Herz zu erfreun, nie der empfindende Laut; Ach, und des Auges erstarrtes Gewölb' klagt traurig und glanzlos: »Warum gabst du den Leib, wenn du die Seele nicht gibst?« Willst du Lebendiges zeugen, so schaffe, wie Gott schuf – liebend; Göttlichen Odem beschert einzig die Liebe dem Werk.