German poem
Zwei Spätherbstrosen an meinem Bett
by Ernst Scherenberg (1839–1905)
Zwei Spätherbstrosen an meinem Bett, Eine weiße und eine rothe – Grüßt mich das Leben oder der Tod? Sagt an, weß’ seid ihr Bote?
Da winkte die weiße geheimnißvoll: „Von längst verschollenen Tagen, Gestorbener Liebe, verlorenem Glück Soll ich dir Grüße sagen.
Ich weiß in der Ferne manch’ einsam’ Grab, Dort harrt man dein schon lange; Ich kenn’ auch ein stilles Plätzchen für dich – Laß küssen mich deine Wange!
Dann bist du befreit von des Lebens Pein, Kannst schmerzlos träumen und schlafen. Fernab tobt weiter Haß und Streit – Du aber, du bist im Hafen.“
Sie schwieg; schon wollt’ ich in Todeslust An’s Herz die Sprecherin drücken – Da hub die rothe Rose an: „O laß dich nimmer berücken!
Zwar kann ich dir nicht, wie die Schwester mein, Den ewigen Frieden geben – Ich bringe die Blüthe nicht ohne den Dorn – Ich bin das ringende Leben.
Von rosigen Lippen künd’ ich dir Gruß, Die ohne dich müßten erblassen; Ich bin die Liebe und rufe dir zu: Du darfst von Liebe nicht lassen.
Du darfst nicht feige entfliehen dem Kampf, Ob schmerzen die klaffenden Wunden; Zu neuem Leben, zu endlichem Sieg Noch einmal mußt du gesunden.“
Da schrak ich empor vom Fiebertraum: Die weiße Rose verwehte – Die rothe küßt’ ich mit bebendem Mund In stillem Dankesgebete.