Versos German Ernst von Wolzogen Ballade vom verkauften Assessor

German poem

Ballade vom verkauften Assessor

by (1855–1934)

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In Bozen war’s, vor’m schwarzen Greifen, Am Platze, wo Herr Wolter steht, Zur Zeit, da schon die Kirschen reifen, So Mitte Mai – und abends spät.

Die grellen Bogenlampen strahlten, Fahlgelb erschien der Mond vor Neid – Die Gäste stunden auf und zahlten, Dieweil um zehn Uhr Schlafenszeit.

Nur einer schnippelt mit dem Messer An seinem Käse noch herum, Aus Luckenwalde ein Assessor, Und schaut ins Bierglas stier und stumm.

Und ihm zur Seite sitzt die Gattin – Auch aus der Gegend, wie es scheint – Erst ehegestern nämlich hatt’ ihn Des Himmels Segen ihr vereint.

Allein kein taubenhaft Gebahren Zeugt von so jungem Ehebund – Sie sind ja Nacht und Tag gefahren, Das bringt die Stimmung auf den Hund.

Ihn kann man etwas üppig finden, Ihr mangelt jeder Fülle Spur; Es unterscheidet vorn und hinten Nur wenig sich in der Kontur.

Die Augen grau, der Mund gewöhnlich, Kinn flüchtig und die Nase breit, Der ganze Stil höchst unpersönlich, Von selbstbewusster Nichtigkeit. Dagegen er! Ein Vollgermane, Noch jeder Zoll ein Corpsstudent, Der unentwegt hochhält die Fahne Des, was man »höchste Güter« nennt.

Ein forscher Kerl mit sieben Schmissen, Und, bis auf’s Fettherz, kerngesund, Der trotz enormen Hindernissen Zwei Staatsexamina bestund!

Harmonisch floss bisher sein Leben, Wie ein Armeemarsch stramm dahin … Nicht jeder Jüngling sieht so eben Den Weg vor sich von Anbeginn.

Doch, ach, die Existenz hienieden Fast nie ganz tadellos verläuft – Auch des Assessors Seelenfrieden Ward eines Tages jäh ersäuft.

Sein alter Herr, der stets solvente, Stiess den bewährten Usus um Und reduziert’ des Sohnes Rente Urplötzlich auf ein Minimum.

Und da der Staat die Assessoren Nicht standesmässig unterhält, Sah unser Freund sich wie verloren In dieser rücksichtslosen Welt.

Welch Ausweg steht dem Manne offen, Der pekuniär am Rande ist? Nur von der Eh’ ist was zu hoffen, Zumal wenn er vom Stande ist.

So rettete der Freund auch balde Mit kühnem Sprung sich in die Eh’. Ein Fräulein zart aus Luckenwalde Besass das grosse Portemonnaie.

Vereinigt werden Herz und Hände, Man kann wohl sagen: Vom Fleck weg, Des Schwiegersohnes Aussenstände Bereinigt durch des Vaters Check.

Die Sehnsucht nach dem Süden trieb sie, Bis Bozen man, wie üblich, fuhr; Postkarten viel mit Ansicht schrieb sie, Er kneipte Bier teils, teils Natur. Er saugt an seinem Weichselrohre Und auch am fünften Glase schon, Da flüstert sie an seinem Ohre: »Nein, Otto, sieh blos die Person!«

Er schaut, – dort, wo die Schatten dunkeln Um einen Oleanderstrauch, Sieht er vier schwarze Augen funkeln, Vernimmt ein ruchlos Kichern auch.

Ein Mädel vom Ampezzothale, In blütenweissem Faltenhemd Und schwarzem Mieder, auf das schmale Wieghüftlein keck die Faust gestemmt. –

So kokettiert die kleine Schlange Mit einem hübschen Lieutenant, Der streichelt ihr die braune Wange Und löst ihr seidnes Schürzenband.

Von ihrer Brust dem Schnurrbartträger Die schönste Rose just sie reicht … Wie thut ein flotter Kaiserjäger Sich doch bei diesen Mädeln leicht!

Assessor Otto starrt erblassend, Wie auf ein Schrecknis, auf dies Paar, Und, die Cigarre ausgehn lassend, Fährt er sich durch das Borstenhaar.

Wär’s etwas länger nur gewesen, Vor Wut hätt’ er sich’s ausgerauft: Ein Mann zum Höchsten auserlesen – Und nun um schnödes Geld verkauft!

Wie duftete die blütenschwere, Die südlich süsse Maiennacht! Um ihn nur gähnt die öde Leere – – Und dies ist seine Hochzeitsnacht!

Man muss doch seiner Pflicht genügen, Ihn schaudert, wenn er nur dran denkt! Vermutlich wird sie Kinder kriegen, Soviel als ihr der Himmel schenkt!

Das werden lauter Sauertöpfe, Plattnasig wie die Frau Mama, Philister, freudenarme Tröpfe, Gleichwie ihr Krämer-Grosspapa! Indessen auf der Ehrenleiter Steigt er empor zur Excellenz – Und sie verknöchert immer weiter Mit der ihr eignen Konsequenz.

Dafür hat man sich nun geschunden, Dafür biereifrig stets gestrebt! Die roten Adern unterbunden – Mit zweiunddreissig ausgelebt!

War man zur Herrlichkeit geboren, Nicht auch wie jener Lieutenant? Zum Rosenbrechen nicht erkoren? Den Erdengöttern nicht verwandt?

O heil’ger Brahma! welch Entzücken In dieser Welschlands-Ueppigkeit Ein süsses Weib ans Herz zu drücken, Sei sie auch nur Bedienungsmaid!

Heiliger Bimbam! o wie wollt’ er … Da zupft die Gattin ihn am Rock. »Hier, Otto!« … unterschreiben sollt er Der Ansichtskarten erstes Schock.

»Ach, bitte, schreib nach Posemuckel An Tante Jettchen einen Gruss – Weisst du nicht mehr? Die mit dem Buckel Und mit dem etwas kurzen Fuss.

Er unterschreibt. Ein blöd Gethue. Sie lächelt dumm, er lacht gequält. – Und dann begiebt er sich zur Ruhe Mit ihr, die er sich auserwählt.