German poem
Waisenkinder auf der Haide
by Ernst Ziel (1841–1921)
Kein Obdach! Birg in meinem Schooße Das liebe Lockenköpfchen dein Und schließ’ das Aug’, das dunkle, große, Zu gold’nem Traum, mein Brüderlein!
Die Nacht bricht an – die Vögel schweifen Zu Nest, zu Nest mit letzter Kraft; Der Nebel wallt in langen Streifen So grau daher – und märchenhaft Ziehn Glockenklänge auf der Haide. Da liegt es ja im Abendscheine, Das stille kleine Gotteshaus, Und rings herum viel Leichensteine, An manchem Kreuz ein Blumenstrauß. Wie muß es sich doch unter’m Hügel So heimlich lauschen und so sacht, Wenn traumhaft senkt den weichen Flügel Und lautlos horcht die Sommernacht Den Glockenklängen auf der Haide!
Der Tod so süß, so hart das Leben – Träum’ fort, träum’ fort, mein Brüderlein! In Winterfrost, in Sturmesweben Wer thut uns auf, wer läßt uns ein? Wie schön, dem Glück in’s Auge sehen, In’s Auge warm und strahlenhell – Uns winkt’s nur im Vorübergehen Und kommt und flieht, wie Träume schnell, Wie Glockenklänge auf der Haide.
Träum’ fort, träum’ fort – und doch! wie heute So wundersam sich hebt mein Muth, Als grüßt’ uns Gott aus dem Geläute: „Getrost! Es wird noch Alles gut“, Als ging’ er mit des Tages Scheiden Die Haid’ entlang von Ort zu Ort Und spräch’ zu Allen, die da leiden, Ein freundlich Wort, ein Vaterwort Aus Glockenklängen auf der Haide.
Ernst Ziel.