Versos German F. Max Müller _Andreas Gryphius._

German poem

_Andreas Gryphius._

by (1823–1900)

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[Scherer D. 324, E. 325.]

Geboren 1616, im Todesjahre Shakespeares, zu Glogau. Seine Jugend war trübe, sein späteres Leben durch die Ereignisse des Krieges sehr bewegt. Er verschaffte sich weitgreifende Kenntniss namentlich in der ältern und neuern Literatur und gewann sich seinen Unterhalt als Hauslehrer, bis er durch ein Vermächtniss seines Gönners, des kaiserlichen Pfalzgrafen Georg von Schönborn, in den Stand gesetzt wurde nach Holland zu gehen, wo er 1638 zu Leiden immatriculiert ward. 1643 kehrte er nach Glogau zurück und reiste 1646 nach Italien und Frankreich. Er verheiratete sich 1649 und wurde 1650 Syndicus der Stände des Fürstenthums Glogau. Er starb plötzlich 1663, ungefähr hundert Jahre nach Shakespeares Geburt. Er dichtete Trauerspiele, Lustspiele, Singspiele, Oden, Sonette, Epigramme, übersetzte ein lateinisches geistliches Drama und Comödien aus dem Italienischen und Französischen. Die Lustspiele und Trauerspiele herausgegeben von Palm (Tübingen 1878 und 1882); dramatische Dichtungen von Tittmann (Leipzig 1880); ‘Horribilicribrifax’ und ‘Peter Squenz’ von Braune (Halle 1876 und 1877); Sonn-und Feiertags-Sonette von Welti (Halle 1883).

1.

THRÄNEN DES VATERLANDES, ANNO 1636.

WIr sind doch nunmehr gantz, ja mehr denn gantz verheeret Der frechen Völcker Schaar, die rasende Posaun, Das vom Blut fette Schwerdt, die donnernde Carthaun, Hat aller Schweiss, und Fleiss, und Vorrath auffgezehret. Die Thürme stehn in Glut, die Kirch ist umgekehret. Das Rathhauss liegt im Grauss, die Starcken sind zerhaun, Die Jungfern sind geschänd’t, und wo wir hin nur schaun Ist Feuer, Pest, und Tod, der Hertz und Geist durchfähret. Hier durch die Schantz und Stadt, rinnt allzeit frisches Blut. Dreymal sind schon sechs Jahr, als unser Ströme Flut, Von Leichen fast verstopfft, sich langsam fort gedrungen; Doch schweig ich noch von dem, was ärger als der Tod, Was grimmer denn die Pest, und Glut und Hungersnoth, Dass auch der Seelen-Schatz, so vielen abgezwungen.

2.

DOMINUS DE ME COGITAT.

IN meiner ersten Blüt’, Im Frühling zarter Tage, Hat mich der grimme Tod verweiset, und die Nacht Der Traurigkeit umhüllt, mich hat die herbe Macht Der Seuchen ausgezehrt. Ich schmacht in steter Plage. Ich theilte meine Zeit, in Seuffzer, Noth und Klage, Die Mittel, die ich offt für feste Pfeiler acht, Die haben (leider!) all’ erzittert und gekracht, Ich trage nur allein den Jammer, den ich trage. Doch nein! der treue GOtt beut mir noch Aug und Hand, Sein Hertz ist gegen mir mit Vater Treu entbrand, Er ists, der iederzeit vor mich, sein Kind muss sorgen. Wenn man kein Mittel find, sieht man sein Wunderwerck, Wenn unsre Krafft vergeht beweisst er seine Stärck, Man schau’t ihn, wenn man meint, er habe sich verborgen.

3.

ES IST ALLES EITEL.

DU sihst, wohin du sihst nur Eitelkeit auff Erden. Was diser heute baut, reist jener morgen ein: Wo itzund Städte stehn, wird eine Wisen seyn, Auff der ein Schäfers-Kind wird spilen mit den Herden: Was itzund prächtig blüht, sol bald zutretten werden. Was itzt so pocht und trotzt ist Morgen Asch und Bein, Nichts ist, das ewig sey, kein Ertz, kein Marmorstein. Itzt lacht das Glück uns an, bald donnern die Beschwerden. Der hohen Thaten Ruhm muss wie ein Traum vergehn. Soll denn das Spil der Zeit, der leichte Mensch bestehn? Ach! was ist alles diss, was wir vor köstlich achten, Als schlechte Nichtikeit, als Schatten, Staub und Wind; Als eine Wisen-Blum, die man nicht wider find’t. Noch wil was Ewig ist kein einig Mensch betrachten!

4.

MORGEN-SONNET.

DIe ewig-helle Schaar wil nun ihr Licht verschlissen, Diane steht erblasst; die Morgenrötte lacht Den grauen Himmel an, der sanffte Wind erwacht, Vnd reitzt das Federvolck, den neuen Tag zu grüssen. Das Leben diser Welt, eilt schon die Welt zu küssen, Vnd steckt sein Haupt empor, man siht der Stralen Pracht Nun blinckern auff der See: O dreymal höchste Macht Erleuchte den, der sich itzt beugt vor deinen Füssen! Vertreib die dicke Nacht, die meine Seel umbgibt, Die Schmertzen Finsternüss, die Hertz und Geist betrübt, Erquicke mein Gemütt, und stärcke mein Vertrauen. Gib, dass ich disen Tag, in deinem Dinst allein Zubring: und wenn mein End’ und jener Tag bricht ein Dass ich dich, meine Sonn, mein Licht mög ewig schauen.

5.

AUS DEM TRAUERSPIEL ‘CARDENIO UND CELINDE’.

Der hohe Geist der in der Sterblichkeit, Vnsterblich herrscht, Der seines Fleisches Kleid Als eine Last, (so bald die Stunde schlägt Die scheiden heist) gantz unerschreckt ablegt;

Der hohe Geist würd’ alles was die Welt, Was Lufft und See in ihren Schrancken hält, Was künfftig noch, und was vorlängst geschehn; Mit lachen nur und Miss-Preiss übersehn.

Dem Vogel Trotz! der in die Lufft sich schwingt Ob schon der Schall der harten Donner klingt, Vnd ob der Sonn’ auff die er einig harrt, Mit steiffem Aug sich wundert und erstarrt.

Der hohe Geist würd über alles gehn, Vnd bey dem Thron der höchsten Weissheit stehn; Wenn beyde Flügel ihm nicht fest gehemmt, Vnd Füss und Leib mit schwerer Last beklemmt.

Alsbald er auff den Kreiss der Dinge trat; Erschrack der Fürst der zu gebitten[1004] hat Der Untern-Welt, der wenn er umb sich blickt, List, Hass und Grimm in unser Licht ausschickt.

Er schüttelte dreymal sein Schlangen-Har. Die Höll erbeb’t; was umb und umb ihn war Versanck in Furcht, die Glutt schloss einen Ring, Als er entsteckt[1005] von heissen Neid anfing;

Auff! Götter auff! die mit mir von dem Thron Hiher gebannt: Es steht nach jener Kron Die ich besass, ein hoch-glückselig Bild Das leider mehr bey seinem Schöpffer gilt!

Man ging zu Rath: Es ward ein Schluss erkist Zu dämpfen was in Menschen Himmlisch ist, Mit Macht und Trug! bald drungen aus der Nacht Geitz, Hochmutt, Angst, Einbildung, Wahn und Pracht.

Doch allen flog erhitzte Brunst zuvor Die voll von List den Namen ihr erkor Von steter Lib’ und unter ihrem Schein Die Hertzen nam mit Gifft und Gallen ein.

Ihr bot alsbald die Rach-Lust treue Hand Die, leider! jetzt der allgemeine Tand[1006] Auff dem Altar der tapffern Ehren ehrt, Indem die Burg der Ehren wird zustört.

Die Rasereyen pochen was man schätzt, Vnd heilges Recht auff festen Grund gesetzt; Sie stecken Reich und Land mit Flammen an Die auch kein Blutt der Völcker dämpffen kan.

Sie färben See und Wellen Purpur-roth, Sie stürtzen Stül und Kronen in den Koth, Vnd treten was auff Erden sterbens-frey Vnd ewig, mit entweyhtem Fuss entzwey.

Sie reissen (ach!) des Menschen reine Seel Von ihrem Zweck in des Verderbens Höl Vnd zihn, die den Gott gab den Himmel ein Aus stiller Ruh, in immer-strenge Pein.

6.