Versos German Felix Dahn Epistel an Emanuel Geibel

German poem

Epistel an Emanuel Geibel

by (1834–1912)

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Mit Rückert und mit Platen Hast Du mich treu berathen: Und ist mein Reim gerathen, – Das dank’ ich Deiner Kunst. Den Lehrer will ich preisen, Jedoch in eignen Weisen: Das höre Du mit Gunst! –

Ja, schlürf’ ich hier im Norden, An Thule’s Nebel-Borden, Viel edel-süße Labe Aus Deiner letzten Gabe, Aus Deinen „Spätherbstblättern“, Gereift in allen Wettern, In heißen und in kalten, Bei guter Sterne Walten, – So ruf’ ich: „Heil dem Alten, Des deutschen Wohllauts weichem, Romanisch formenreichem, Herrn Gottfried’s Süße gleichem Goldmelodien-Gestalter – Heil ihm und seinem Psalter!“ Wer von uns Jüngern just nicht schlecht Die Reime reimt und radebrecht, Der dankt es Dir, Du Weibel Des Versturnieres, Geibel! –

Wie schaltest Du in München Auf handwerkmäßig Tünchen! Dem Falschreim wurde höllenangst, Dem Flickwort bange, banger, bangst. „Was?“ – hörte man Dich dröhnen – „Hiatus? Elisionen? Könnt Ihr’s nicht abgewöhnen? Schock Schwere Noth Schwadronen – Poeten wollt Ihr heißen? Mit Knüppeln sollt’ man schmeißen!“

Doch nicht allein dies A B C Erlernten wir in Deiner Näh’: Auch, daß die Weihe müsse schweben Um echten Dichters Lied und Leben, Daß sternenhoch das Ziel entfernt Und daß Du selbst nie ausgelernt; Wie rasch da Eitelkeit zerschmolz Vor Deinem tief bescheid’nen Stolz!

Auch jetzt sprichst Du bescheiden Von Spätherbstblättern blos: Und doch lauscht, sehr zu neiden, Aus dieser Blätter Schooß, Aus dieser Reben-Laube Die goldne Spätherbst-Traube. Die Traube, herrlich ausgereift, Die Roms und Hellas’ Strahl gestreift: In Deutschland beut uns Keiner Trank, edler, weicher, reiner, Fein-blumiger als Deiner.