Versos German Felix Dahn Osterglocken

German poem

Osterglocken

by (1834–1912)

Listen in the reader

Selten läuten hier die Glocken In der Protestantenstadt: So ist fast mein Herz erschrocken, Als es heut’ vernommen hat Feierlich, mit tiefem Hall, Osterglocken, euern Schall!

Osterglocken, Faust’sche Klänge! Wie ihr schlaget an mein Ohr, Mahnt ihr mich der Weihgesänge Von Alt-Münchens Oster-Chor, Wann euch trug der Märzenwind Zu dem ahnungsfrommen Kind.

Ueber Wipfel in dem Garten Hört’ ich leis die Klänge nahn, Und mein gläubiges Erwarten Sah die Himmel aufgethan: Im Gewölk von Gottes Thron Nieder stieg des Menschen Sohn.

Ach, die Ulmenbäume ragen Wohl noch dort im Märzenwind, Und Sanct Ludwig’s Glocken schlagen Noch wie damals voll und lind: Doch vernähm’ ich auch den Schall, Fänd’ er andern Widerhall. –

Andrer Ostern denk’ ich heute: An der blauen Adria Ueber Pinien ihr Geläute Sandte die Basilika, Leise Klänge, todesmatt. Aus der Gothen Königsstadt.

Aus Ravenna kam’s gezogen Feierlich wie Grabgesang, Und des Meeres leise Wogen Stimmten ein wie Klageklang: Dein gedacht’ ich, Held von Bern, Schöner, lang erloschner Stern.

Arme Menschheit! Was verloren, Bringt kein Ostern dir zurück. Nie wird wieder dir geboren Todtes Leben, todtes Glück: Schönheit, Tugend, Weisheit, Kraft, Die der Tod dahin gerafft.

Arme Menschheit! All dein Sehnen: Leben, Wärme, Freude, Licht; In des Leichenzuges Thränen Läßt du von der Hoffnung nicht: Ach, dein Lebensdrang so groß –: Und Vernichtung doch dein Loos!

Osterglocken, schönste Klänge Des Unsterblichkeitsgedichts! Schwingt euch, ihr Triumphgesänge, Durch das Meer des Frühlingslichts! Kündet – wohl ist es gethan – Laut der Menschheit Trost und – Wahn!

Denn sie kann ihn nicht entbehren; Selbst erquickt durch diesen Traum Mag ertragen sie die schweren Lasten ihres Looses kaum: Löscht im finstern Schachte nicht Ihr das letzte Grubenlicht!

Nahet doch der armen Erden Einst der letzte Ostertag, Der noch mag gefeiert werden Mit der Glocken hellem Schlag: Denn die nächste Wiederkehr – –: Menschen findet sie nicht mehr.

Ausgeglüht hat dann die Sonne, Die geglänzt Aeonen lang: Ausgeglüht in Weh und Wonne Auch der Menschheit Lebensdrang, Und in Nacht, in Eis, in Schmerz Brach das letzte Menschenherz.

Auch dies letzte wird noch wähnen, Daß es wieder weiter schlägt, Daß ein andrer Stern sein Sehnen Fluthend durch die Himmel trägt: Aber schweigend durch das All Kreist der ausgestorbne Ball.

Niemand ahnt dann mehr, welch’ Leben Einst auf dieser Scholle schwoll: Unser Jauchzen, Weinen, Streben Spurlos, zeugnißlos verscholl, Und in ew’ges Schweigen lang Schwand der Osterglocken Klang.