German poem
Vom Meeresstrand
by Felix Dahn (1834–1912)
Du frägst, wie ich hier lebe? – Still, verträumt! –
Auf gelben Sand des Dünenhangs gestreckt, Schau ich ins weite Meer. – Rings Alles einsam. Strandhafer duftet stark zu meinen Häupten, Die blaue Distel, die der Meersand nur, Vom würz’gen Salzhauch stets gefeuchtet, trägt, Lockt rings die Bienen an: sie summen emsig. – Das Buch liegt aufgeschlagen neben mir; Ich lese nicht: ein kleiner Schmetterling, Mit Perlenäuglein auf den Unterflügeln, Sitzt auf dem weißen Blatt und sonnt sich froh. Am duftumzognen Himmel wandert rasch Ein weiß’ Gewölk vor’m Seewind in das Land; Ein braunes Fischersegel weit im Meer – Rings Alles still. Eintönig rauscht der Anschlag Der Wellen: denn die Ebbe fluthet rückwärts. Manchmal ein schriller Schrei: und blitzgeschwind, Mit blendend hellem Schein der weißen Schwingen, Taucht in die blaue Fluth die Silbermöwe: Dann wieder Alles still und groß und einsam. –
Du frägst, wie ich hier lebe? – Still, verträumt! –
*
Am Abend war’s. – Die Sonne sank ins Meer. Ich blickte träumend in die Wolkenbilder, Die Wind und Licht und Schatten wechselnd schufen. –
Bald Walhalls Zinnen, silberhell gethürmt, Von dunkler Riesen ungefüger Schar, Von Bär und Wolf und hochgebäumter Schlange Bestürmt: – umsonst! Sie taumeln rücklings nieder.
Bald Geisternachen, die mit Purpursegeln Weißarm’ge Jungfraun tragen durch die Luft.
Bald steigen aus der Fluth versunkner Städte Hochgieblige Häuser, altersbraun, – – Das Rathhaus mit der breiten Balustrade: Es fehlt der Dom: doch leise hör’ ich’s klingen: „Julin! Julin!“ Ja, aus der Tiefe läutets in Julin!
Bald Drachenschiffe, Schild an Schild am Bord: Blutrothe Wimpel flattern von den Masten, Im Adlerhelm am Bugspriet steht ein Held – Die Büffelhaube deckt des Feindes Haupt: Sie fahren grimmig auf einander! Schau, Wahrhaftig! Lanzen fliegen durch die Luft: – – Nein. Sonnenstrahlen waren’s: und ein Traum! –
Und dort, am Werderstrand, die weiße Maid, Hochragend: – eine Kön’gin acht’ ich sie. Es fliegt im Wind gelöst ihr gelbes Haar, Sie ringt die lichten Hände über’m Haupt: Du, Gudrun, bist’s! Getrost! Siehst du, schon zieht Heran auf grauer Fluth der wilde Schwan, Der dir die Rettung weissagt: dort vom Westen Der treue Wate watet schon ans Land, Und fernher aus den Nebeln tönt Gesang Das ist Herrn Horand’s zaubersüßes Lied! – – –
Als ich erwachte, war es dunkle Nacht: Verschwunden waren Goldgewölk und Bilder, Verschwunden waren alle meine Träume! – Fast schmerzte mich’s! – –
Doch vor mir rauschte stets noch groß das Meer, Und über meinem Haupte stand ein Stern, Und Meer und Stern, sie sprachen still zu mir: „Nicht klage du um das in deinem Leben, Was dir verging wie Goldgewölk und Traum: Vergänglich war’s: drum mußt’ es untersinken: Was ewig ist an dir – das bleibt bestehen.“ –