Versos German Franz Reinhold Fuchs Der letzte Mann an Bord

German poem

Der letzte Mann an Bord

by (1858–1938)

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Wie lang die Nacht! — In kalten Bö’n Peitscht der Nordwest das Inselland; Der Dachstuhl ächzt im Sturmgestöhn; Ans Fenster klopft, wie Geisterhand, Der Wanderdünen stiebender Sand; Dazwischen dröhnt, in kurzen Pausen, Vom Strande dumpf der Brandung Brausen. Die Witwe Jensen sitzt allein Bei ihres Lämpchens trübem Schein, Der flackernd auf ihr graues Haar Und des Gebetbuchs Blätter fällt, Das zitternd ihre Rechte hält. Wohl kennt die Alte die Gefahr, Die heut den Schiffern draußen droht, Und traurig hat sie manche Nacht Gleich dieser, betend schon durchwacht, Denn ach, wie viele sind in Not Wohl heut auf sternenloser See! — Auch er vielleicht! Mit bitterm Weh Denkt sie an Uwe, ihren Sohn, Von dem seit fünfzehn Monden schon Sie keine Botschaft mehr erreicht. Doch ach, in kalter Flut vielleicht Liegt längst ihr jüngstes, liebstes Kind, Und letzte Grüße bringt der Wind, Verlorne, dumpfe Totenklagen, Von seinem Grabe ihr getragen. — Wie langsam dort der Weiser schleicht; Wie bange hallt der Stundenschlag! O wär’ es Morgen, wär’ es Tag! Und wär’ ihr Harro erst zurück, Ihr ält’rer Sohn, ihr Trost und Glück, Der einzige nun von ihren Lieben, Der ihr im Alter noch geblieben. Doch schwerlich kehrt er heim, bevor Die Wintersonne stieg empor, Denn sicher hält man lang ihn fest Auf Detlev Harberts Hochzeitsfest Im Nachbardorf, das meilenfern Vom ihren liegt in Sand und Moor. Die Alte träumt; — wie Schatten schwanken Durchs müde Hirn ihr die Gedanken; Es gaukelt wie ein matter Stern Vor Augen ihr des Lämpchens Schein, Und endlich nickt sie seufzend ein. Da zeigt der Traumgott freundlich-mild Der Mutter ihres Uwes Bild, Und sieh, er lebt! — Nicht trieft sein Haar Von salziger Flut; er lacht, er spricht, Doch männlicher an Wuchs, Gesicht Erscheint er, als er früher war. Die Arme breitet sie: „Mein Sohn, Wie lange hab’ ich dein geharrt!“ Da schreckt sie aus dem Schlaf ein Ton; Sie fährt empor; sie lauscht und starrt: Ins Fenster scheint die Dämm’rung fahl; Da, horch! nun dröhnt’s zum zweitenmal Heran durch Sturm und Regenguß; Kein Zweifel mehr, das war ein Schuß, Ein Hilferuf, der dumpf und schwer Herüberdrang vom nahen Meer, Von einem sturmverschlagnen Schiff, Das nachts sich festfuhr auf dem Riff. — Noch steht die Alte, wie gebannt, Da klopft ans Fenster eine Hand. Sie öffnet: „Ihr seid’s, Nachbar Frerk? Südwester, Ölzeug habt Ihr an, Als gält’ es schweres Seemannswerk?“ — „Das gilt es, Base,“ spricht der Mann. „’ne Bark kam fest vor Möwenort, Und glückt’s nicht bald, sie zu erreichen, So wäscht die Brandung über Bord, Was drauf noch atmen mag, als Leichen. Wo ist der Harro? — Unserm Boot Thut wahrlich heut ein Führer not Wie er, in Sturm und Flutgebraus. — Was sagt Ihr? — Harro nicht zu Haus? Das trifft sich schlimm! Doch muß es gehn Auch ohne ihn! — Auf Wiedersehn!“ — Und seewärts durch die Dämmerung stampft Er schwer davon. Sie steht beklommen Und fühlt, wie sich zusammenkrampft Ihr Herz ob dem, was sie vernommen. Wie mögen wohl die Schiffer zagen Dort auf dem Wrack, vom Tod umringt! Wie viele Mütter werden klagen, Wenn nicht das Rettungswerk gelingt! — Halb unbewußt, mit hastigem Schritte, Enteilt die Alte ihrem Haus; Bald sieht in kahler Dünen Mitte Sie sich, umheult vom Sturmgebraus. Ihr Antlitz peitscht verwehter Sand, Der Seedorn zerrt ihr am Gewand; Der Regenpfeifer schießt vorbei An ihr mit gellendem Klageschrei, Als wollt’ er sie zur Umkehr mahnen, Sie aber strebt auf öden Bahnen Dem Strande zu, dem Ort der Not, Wo rüstige Schultern schon das Boot Vom Wagen schieben in die Flut, Die donnernd sich, in grimmer Wut Voll Hohn entgegenbäumt den Kühnen, Die ihr die Opfer rauben wollen. Mit Bangen schaut am Fuß der Dünen Der Arbeit zu, der mühevollen, Das halbe Dorf schon, Greise, Frau’n, Im ungewissen Morgengrau’n. Und draußen, auf dem Teufelsriff, Im Dämmerlicht zu kennen kaum, Hebt dunkel sich das Unglücksschiff Aus schwerer Sturzseen weißem Schaum, Der garbengleich an Bug und Heck Aufsprüht, fortrollend übers Deck. Ein einziger halber Mast nur ragt Empor vom Wrack; bald wird auch der Verschwinden in der Wogenjagd, Im kalten, sturmgepeitschten Meer, Und wenn die Rettung bald nicht kommt, Wer weiß, ob sie noch einem frommt Von denen, die mit Todesgrau’n Da drüben in die Fluten schau’n, Denn wie mit Riesenhämmern pocht Ans Plankenwerk der Wogendrang; — Das donnert, heult und zischt und kocht, Als wollt’ es in den Untergang Mit rasender Dämonenhand Fortreißen selbst den Dünenstrand, Der manch Jahrtausend schon dem Meer Getrotzt als unbezwungne Wehr. Doch wie der Sturm auch brüllt und tobt, Die Seemannsherzen schreckt er nicht, Die, in Gefahren oft erprobt, Noch nie gewankt vom Pfad der Pflicht. Acht Riemen tauchen fest und stramm Mit gleichem Schlag ins Flutgebraus, Und auf der nächsten Woge Kamm Schießt in die See das Boot hinaus. Schwer ist der Kampf; im Wechselspiel Hinauf, hinab taucht Bug und Stern, Und ach, wie scheint der Braven Ziel So ferne noch, so trostlos fern! Wohl manches Herz am Strande bebt Jetzt um den Gatten, um den Sohn. Und nur aus einer Seele schwebt Ein Dankgebet zu Gottes Thron, Ein unterdrückter Jubelschrei, Daß Harro Jensen nicht dabei. Zu wohl nur weiß die Mutter ja (Mit Stolz muß sie sich’s eingestehn!) Wär heut’ dem Strand ihr Harro nah, Dann hielte nicht ihr heißes Flehn Ihn von der grausigen Fahrt zurück, — Und ach, er ist ihr letztes Glück! — Indessen ringt, unendlich schwer, Das Boot sich weiter Zoll um Zoll; Kein Auge nun erkennt es mehr Im Regenschwall und Flutgeroll. Wohl eine Stunde schleicht vorbei; Es atmet jede Brust beklommen, Da hallt aus Knabenmund ein Schrei Voll hellen Jubels: „Seht, sie kommen!“ Bald schießt, gejagt vom Wogendrang, Das Rettungsboot dem Strand entgegen, Und schnell, zu freudigem Empfang, Sieht man sich hundert Hände regen. Sechs Männer, frosterstarrt und bleich, Matt, sprachlos, fast den Toten gleich, Enthebt man rasch des Fahrzeugs Raum Und trägt sie durch der Brandung Schaum Ans Land, wo hilfreich, voll Erbarmen, Das Inselvolk umdrängt die Armen. Da plötzlich naht sich von der Düne In schnellem Lauf ein blonder Hüne Und keuchend drängt, mit mächtigem Arm, Zu Frerk heran er durch den Schwarm. „Der Harro Jensen!“ läuft es leis Mit Blitzesschnelle durch den Kreis, Und alles starrt ihm ins Gesicht, Drin tiefer Kummer sich verrät, Und lauscht, als dumpf der Jünglings spricht: „Sagt, Ohm, kam wirklich ich zu spät Und muß ich thatlos heimwärts gehn?“ — Drauf jener: „Ja, mein lieber Junge, Was möglich war, das ist geschehn. Zwar hing noch Einer dort am Mast, Doch niemand“ — da, in freudiger Hast, Stürzt Harro schon mit weitem Sprunge Zum Rettungsboot und ruft: „Wohlan! Wer holt mit mir den letzten Mann?“ — Unmöglich ist es! — Tollheit! — Bleib! Tönt rings es an des Jünglings Ohr, Und zitternd drängt ein bleiches Weib Sich aus der Männer Kreis hervor Und fleht mit aufgehobner Hand: „Mein Harro, heut nur bleib an Land; Versuche Gott im Himmel nicht Bei solchem Sturm und solcher See!“ — Doch er darauf: „Mich ruft die Pflicht; Ihr folg’ ich, Mutter; o vergieb! Versäumt’ ich’s, wär’ mir’s Schmach und Spott. O liebe Mutter, danke Gott, Daß mir zu thun doch etwas blieb! Im starken Schutz des Höchsten steh’ Ich auf dem Meere ja wie hier!“ — Da schwingen sich der Männer vier An Bord. — „Roj’ an, in Gottes Namen!“ — Und aller Lippen murmeln: Amen! Als nun das Boot zum zweitenmal Durch die empörten Wellen schießt, Fällt aus dem Sturmgewölk ein Strahl, Der goldnen Glanzes es umfließt, Doch härter als zuvor noch weht Der rauhe Nord mit scharfem Pfiff, Und häuserhohe Brandung steht, Ein weißer Wall, auf jedem Riff. — Wie schwer, wie lang zum zweitenmal Des müßigen Harrens herbe Qual! Ein Stöhnen ringt sich, unbewußt, Empor aus mancher bangen Brust, Wenn hinterm Kamm getürmter Wogen Das Boot den Blicken wird entzogen, Und mancher Seufzer wird gehaucht, Wenn es dem Flutengrab enttaucht, Auf weißen Wellenhügeln schwebend, Dem Ziele kühn entgegenstrebend. Das Fernrohr hart am Auge, spähn Hark Buhn, der greise Kapitän, Und Frerk, umtost vom Sturmesheulen, Hinaus, so unbewegt wie Säulen, Bis endlich das Erlösungswort Ertönt: „Gottlob, sie sind am Ort!“ Und nun, wer entert todeskühn Die Wanten auf am schrägen Mast Durch Sturmgebrüll und Wogensprühn? — Schon hat den Körper er gefaßt, Der hilflos hängt im Takelwerke; Nun klimmt hinab er mit der Last; Fürwahr, das fordert Riesenstärke, Und jeder andre wär’ verzagt Ob dem, was dort der Harro wagt! Jetzt reißt das Boot mit kräft’gem Stoß Vom halbzerstörten Wrack sich los, Und eine Kabellänge kaum Liegt hinter ihm der Barke Rumpf, Da schießt hinab in Gischt und Schaum Des letzten Mastes letzter Stumpf! — Vom Strande dringt ein heller Schrei Des Jubels weithin aus der Menge; Die Rudrer hören ihn, doch zwei Im Boot sind taub für Erdenklänge: Er, der in Ohnmacht eingewiegt Zu seines Retters Füßen liegt, Fast noch ein Knabe, dem die Locken Beschneit von salzigen Seeschaumflocken, Und er, der hoch am Steuer steht Mit stolzverklärtem Angesicht, Indes ihm aus den Augen spricht Wortlos ein heißes Dankgebet. Kaum rührt den Strand des Schiffleins Bug, Stürmt Harro schon ans Land im Flug; Auf starken Armen lächelnd trägt Er durch der Brandung wildes Tosen Des Jünglings Leib, den regungslosen, Drin, fühlbar kaum, das Herz nur schlägt. Und als er sanft ihn niederläßt, Umschlingen ihn zwei Arme fest: „Mein Sohn, mein alles du im Leben, O, daß du mir zurückgegeben!“ Doch er darauf: „Nicht mich allein, Zwei Söhne, Mutter, nennst du dein! Auch Uwe lebt! — Schau jenen an, Das war an Bord der letzte Mann!“ Die Mutter schrickt empor und starrt, Noch zweifelnd, ob ein Traum sie narrt, Den Knaben an, der kaum gerettet, Im weichen Seesand liegt gebettet, Doch als er matt die Augen hebt Und fragend ihr ins Antlitz schaut, Da stürzt mit schluchzendem Jubellaut Aufs Knie sie: „Ja, mein Uwe lebt! Dem Herrn im Himmel Dank und Preis!“ Mit Küssen deckt sie, lang und heiß Dem Sohne Mund und Stirn und Haar; Da sieht in harter Männer Schar, Im Kreise leidgewohnter Frauen Man manche Zähre niedertauen, Und vieler Hände stumm sich falten, In Andacht ehrend Gottes Walten. Doch festen, warmen Drucks umschließt Harro die Rechte Frerks verstohlen: „Dank, daß ihr einen übrig ließt; Daß selbst vom Wrack ich durfte holen Das Kücken, unsern Uwe, dort, Als letzten Mann, der noch an Bord!“