Versos German Friederike Kempner Eine Mitternacht in Tyrol

German poem

Eine Mitternacht in Tyrol

by (1828–1904)

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Die großen Kaiser sind alle erwacht, Stehn aufrecht da in der Gruft, Sie tragen die deutsche Reichskrönungstracht, Es glühet und zischt in der Luft.

Der Reichsverweser schläft ein in Tyrol, Die Uhr schlägt Mitternacht, Da wecket ihn dumpf, da wecket ihn hohl Der Ahnherr'n gespenstische Pracht.

Wie bist Du so klein, wie bist Du so schwach, Du kleinlicher Enkelsohn, Du brachtest dem Reich, Du brachtest uns Schmach, So hallt es in grollendem Ton.

Und die Berge Tyrols, die Stein' in Tyrol, Sie hallen es tausendfach nach, Das tönet so dumpf, das tönet so hohl, Als ob Fels an Felsen sich brach!

Und Rudolf von Habsburg mit Hoheit begann: »Du Reichsverweser Erzherzog Johann, Bewahre, Du bist mir kein Rittersmann, Ich schleudere Dich in Acht und Bann.«

Und die Berge Tyrols, die Stein' in Tyrol, Sie hallen es tausendfach nach, Das tönet so dumpf, das tönet so hohl, Als ob Fels an Felsen sich brach.

Und Karl der fünfte in seiner Art: »Wer unehrlich, sei klug, Johann, Und weil Ihr nicht klug und nicht ehrlich war't, So thun wir Euch in Acht und Bann.«

Und die Berge Tyrols, die Stein' in Tyrol, Sie hallen es tausendfach nach, Das tönet so dumpf, das tönet so hohl, Als ob Fels an Felsen sich brach.

Und Maximilian spricht, Schmerz im Gesicht, »Fluchwürdig, wer die Treue bricht, Wer weiß, ereilt Dich kein Gottesgericht. In Bergen Tyrols verbirg Dich nicht!«—

Und die Berge Tyrols, die Stein' in Tyrol, Sie hallen es tausendfach nach, Das tönet so dumpf, das tönet so hohl, Als ob Fels an Felsen sich brach!

Und Joseph der Gute wehmüthig klagt: »In Wien ein Stand- und Kriegsgericht? Das Beste, das Schönste hast Du gewagt, Die Mutter—sie vergißt Dir's nicht!«

Und die Berge Tyrols, die Stein' in Tyrol, Sie hallen es tausendfach nach, Das tönet so dumpf, das tönet so hohl, Als ob Fels an Felsen sich brach.

Und Marie Theresia, die schönste Frau, Mit unmuthiger Miene spricht sie, Mit der Rechten zeigt sie Brigittenau: »Auch dieses vergeß' ich Dir nie!«

»Die Söhne Arpads, sie schützten mein Haus, Das Reich und des Habsburgers Thron, Und«—ruft mit Beben die Kaiserin aus, »Verderben war darum ihr Lohn.«

Im weißen Gewand, das Haar in die Höh', Die Rechte zum Himmel hinan: »Den Feinden Arpads sei ewiges Weh, Vergeßlichen Enkeln mein Bann!«

Und die Berge Tyrols, die Stein' in Tyrol, Sie hallen es tausendfach nach, Das tönet so dumpf, das tönet so hohl, Als ob Fels an Felsen sich brach.

Dem Reichsverweser wird bang um das Herz, Die Ahnen, sie haben vollend't, Die Worte lasten wie Panzer von Erz, Der Bannstrahl das Hirn ihm verbrennt.—

Und scheu, aus den Armen des schweren Alp, Reißt entsetzt und matt er sich auf, Da sieh da, nach Schatten ein blutiger, halb,— Er steigt aus der Erde herauf!

Ein Jüngling, das lockige Haupt in der Hand, Um die Stirne den Streifen von Blut: »An Deiner Statt«—ruft er, »mein wär' das Land, Dir fehlte mein reichlicher Muth!—«

Ein Nu, der blutige Schatten war hin, Es lachte noch jugendlich auf: »Nicht Jeder, nicht Jeder ist Konradin, Nicht Jeder ein Hohenstauf'.«

Und die Berge Tyrols, die Stein' in Tyrol, Sie hallen es tausendfach nach, Das tönet so dumpf, das tönet so hohl, Als wenn Fels an Felsen sich brach.

Den Erzherzog schwindelt, zur Erd' er fällt, Und siehe, es war nur ein Traum, O Volksmann Johann, die Meinung der Welt, Sie fand in dem Traume den Raum.

Kalt ist's, eine trockene Kälte, Aus modernen Burgen schallt Tadel für das Holz, den Heizer Durch die weiten Säle bald.

Aber in des Armen Hütte Ist von Tadel keine Spur, Eingefroren ist das Wasser Und man weint und zittert nur.

Ich träumte tausend Lieder Und alle schön und hold, Sie hatten blaue Augen Und Haare licht wie Gold.

Die Welt lag mitten drinnen, Ein Purpurröslein rein, Unangehaucht vom Menschen, Bestrahlt vom Sonnenschein.

Jetzt träum' ich viele Lieder, Doch all' mit dunklem Haar, Mit großen dunklen Augen, Und thränenvoll wohl gar.

Die schattigen Gestalten, Sie schwanken hin und her, Wie sturmbewegte Wellen, Auf sturmbewegtem Meer.

Ihr großen dunklen Augen, Mit tief und ernstem Blick, Ihr gleicht an Ernst und Wunder, Dem tragischen Geschick.

Ihr schattigen Gedanken, Die Wahrheit Euch verzehrt, Ihr zeigtet mir im Röslein Den Wurm, der es zerstört.—

Wer einsam kam zu trüber Höhe, Oft unverstanden angegafft, Dem rauschet jedes Lüftchen Wehe Und jedes Blättchen: halte Kraft.

Ja Kraft soll dem die Gottheit geben, Wer selbstlos nur das Gute will, Mit seinem Herzblut, seinem Leben, Und sich verblutet einsam still.

Der Tag so kurz, der Tag so lang, Die Stunde so froh, die Stunde so bang, Das Leben so kurz, das Leben so lang, Die Freude so kurz, ach, und niemals lang.

Seh' ich euch wieder, goldne Sterne, Hab' euch lange nicht gesehn, Wußt' euch freilich in der Ferne Unsichtbar am Himmel steh'n!

Es hat uns Gott gegeben Das menschliche Gefühl, Der Tugend nachzustreben, Sei unser Lebensziel.

Barmherzigkeit zu üben, Das sei das Losungswort, Die Menschen all' zu lieben, An jedem, jedem Ort.