German poem
Gebet
by Friederike Kempner (1828–1904)
O, laß mir die Welt der Erscheinungen stehn, sie ist so schön, O, laß mich die Sonne immer sehn, Die Bäume unter Blätter wehn, Die Blumen, die auf Erden stehn, Die Sterne in den lichten Höhn, O, laß' mir das Licht, das herrliche Licht, Ein anderes Glück begehr ich nicht.
Du gabst's jedem Wurme, den Wesen all, Auf jedem Erd- und Sonnenball, O, schließe mich nicht, nicht mich g'rade aus Aus Deines Lichtes glücklichem Haus, O, laß mich die Sonne immer sehn, Die Berge und die grünen Seen, Die Bäume unter Blätter wehn, Die Blumen, die auf Erden stehn.
Ach, Sternlein dort, Am Himmelsort, Du glänzest so alleine Und scheinest uns so kleine.
Doch sprich, was geht denn dorten vor, Doch mach' mir keine Wippchen vor, Ist es denn dort erquicklich? Und lebt man dorten glücklich?
Ach, Mägdelein Im grünen Hain, Du glänzest so alleine Und scheinest nur so kleine.
Was geht in Deinem Herzen vor, Doch mach' mir keine Wippchen vor, Ist es darin erquicklich, Und lebt sich's drinnen glücklich?