Versos German Friederike Kempner Vogelin-Prinzeß

German poem

Vogelin-Prinzeß

by (1828–1904)

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Es war einmal ein Vögelein, Kanaria von Geschlecht, Es war so schön, so gelb, so fein, Wie's Vögeln eben recht.

Doch ach, das arme Vögelein Im goldnen Käfig saß, Und mit den kleinen Aeugelein Den großen Himmel maß.

Ein frecher Sperling flog vorbei, Und sang ihr zum Exceß: »Ich lieb' Dich bis zur Raserei, O, Vogelin-Prinzeß!

»O, Vogelin, Dein Köpfchen klein Gefällt mir gar zu gut!« Da kocht des stolzen Vögelein Kanarisch heißes Blut!

Ich mag Dich nicht, ich brauch' Dich nicht, Mir ist nach Dir nicht bang, Wohl sehn' ich mich nach Himmelslicht, Und nach des Künstlers Sang!

Doch nach des frechen Sperlings Lied War mir noch niemals bang, Denn—singt sie himmlisch—nie erglüht Mein Herz bei nied'rem Klang!—

Selbst noch eine Menschenblüthe, Trug ich Kummer im Gemüthe, Groß genug für eine Welt.

Jeder Wahn, der sie bethörte, Den sie—grausam—hoch verehrte, Diese kleine Menschenwelt.—

Sieh, er ward in mir zur Wunde, Blutend, schmerzend, Tag und Stunde, Immer tiefer dringend ein.—

Fremden Haß und eigne Schmerzen, Trug ich in dem weichen Herzen, Wandte aufwärts meinen Blick:

Helfen möcht' ich, lindern, retten, Glück an dieses Weltall ketten, Rosig bilden sein Geschick.

Diese Freuden, diesen Segen, Betend sich die Lippen regen, Gott mich's ahnen ließ!