German poem
Zum 70jährigen Geburtstage eines Onkels
by Friederike Kempner (1828–1904)
Was auch die Menschen trennt, die Geister scheidet, Eins giebt's, was alle Welt verehrt, Die Tugend mit dem reinen Strahlenkranze, Die uns sich selbst vergessen lehrt.
Wer so wie Du in ihr gelebt, gewandelt, Sie liebend keinen Augenblick verließ, Mit aller Kraft und Lust nur gut gehandelt, Zu jeder Zeit man gerne pries!
Ob viel geprüft, gekämpft, ob viel gelitten: Bewußtsein heißt das inn're Glück, Den Allerbesten ward nicht mehr beschieden— Kein höh'res strahlt vom Thron zurück.—
Daktylen, Jamben, Trochäen, Sie schließ' ich in einen Bund, Die Regel sie ewig zu trennen Hat keinen vernünft'gen Grund!
Nicht Stände giebt es und Kasten Im Reiche der Poesie, Das Mannigfache im Schönen, Es bildet die Harmonie!
Oft ist verhaßt Und gilt als Last Wer engelsrein, Denn nur der Schein Und der Bombast Er gilt allein.
Wär' ich ein Vögelein Und wär' ich noch so klein, Flög' ich von Feld zu Feld Rasch durch die ganze Welt!
Man sagt, die Liebe wäre blind, Ich sage: Haß und Groll es sind: Von Einsicht seh' ich keine Spur Die Hasser hassen eben nur.—
Holden Träume, ging't verloren, In des Lebens Dunkelheit, Bleibt zum Traume auserkoren! Traum ist keine Wirklichkeit.—
Nicht im Reichthum wohnt das Glück, Ach, es weichet scheu zurück Vor den vielen Eitelkeiten, Die sich rasch durch's Geld bereiten:
Nicht im Reichthum wohnt das Glück, Ach! es weichet scheu zurück Vor dem vielen Ueberflusse Und dem dummen Scheingenusse.
Als Jemand beim Anblick einer armen Frau den Kopf wegwendete.
Wendest Deinen Blick Du nicht Weil das Mitleid zu Dir spricht? Spricht von Deiner Menschenpflicht? Mensch, o täusch' Dich selber nicht, Wende nur den Kopf zurück: Helfen ist das größte Glück!—
Grüne Saaten, grüne Blätter, Braune Stämme, gelbes Schilf, Ach, der Landmann mit den Sorgen, Gott, dem armen Landmann hilf!
Sperrt euch ein in große Städte, Athmet ein die dicke Luft, Die ein And'rer ausgeathmet— Unbeschreiblich süßer Duft! Brauchet dann noch eine Kur Eine Morphium-Mixtur, Und ihr bauet eine Kluft Zwischen euch und der Natur: Ach, ihr bauet eure Gruft!