German poem
Beruf zur Liebe
by Friedrich Wilhelm Gotter (1746–1797)
Unser süssester Beruf Ist das Glück der Liebe; Alles, was der Himmel schuf, Fühlet ihre Triebe. Wenn umher der Käfer irrt, Sucht er sich ein Weibchen, Wenn ein Tauber einsam girrt, Locket er sein Täubchen.
Blumen öffnen ihre Brust Lauen Abendwinden; Epheu schlinget sich mit Lust Um bemooste Linden; Liebemurmelnd eilt der Bach, Unter den Gebüschen, Einem andern Bache nach, Sich mit ihm zu mischen.
Liebe tönt der Sänger Heer Von den Zweigen nieder; Weibchen flattern um sie her, Sträuben das Gefieder, Locken, schmachten und entfliehn Schamhaft zu Gesträuchen, Wo, mit zärtlichem Bemühn, Männchen sie erreichen. Seelen, die der Himmel schuf, Fähig edler Triebe, Folgt dem süssesten Beruf, Schmeckt das Glück der Liebe! Sie nur kann euch freudenreich Diese Wallfahrt machen; Sie nur führet lächelnd euch Zu dem schwarzen Nachen.