German poem
32 (Ein hässlich Wetter heut! Ganz…)
by Georg Reicke (1863–1923)
Ein hässlich Wetter heut! Ganz grau die Welt! In dichten Strömen fliesst der Regen nieder, Scharf weht der Wind, kaum schützt das leichte Zelt,
Und kalter Schauer rieselt hin und wieder Durch Mark und Bein. Noch aber weicht man nicht, Nur fester hüllt man in sein Plaid die Glieder.
Mir gegenüber sitzt sie, das Gesicht Dem aufgeschlagnen Buche zugewendet. Doch liest sie kaum; die Seite rührt sich nicht,
Ob sie gleich fünfzigmal schon sie beendet. Was denkt sie wohl? Die finstre Stirne sagt, Dass hinter ihr sich ein Entschluss vollendet.
Nun schaut sie auf: allein das Auge zagt Mich anzusehen. Fremd mit toten Sternen Starrt sie ins Leere und die Lippe wagt
Sich nicht zu öffnen. ›Soll ich's wirklich lernen, Begann ich endlich, einzusehn, dass ich Die bösen Geister nicht mehr kann entfernen,
Dass du unglücklich dennoch bist—durch mich?‹ Sie schüttelte betrübt das Haupt und wandte Jetzt voll den Blick mir zu: »Du täuschest dich,
Ich bin ganz glücklich!« ›Aber dennoch kannte Ich diese Augen froher einst.‹ »Vielleicht Bis heut! Allein in dieser Stunde sandte
Mein Gott Erleuchtung mir. Nun ist's mir leicht Die Zukunft anzuschauen, die mich quälte. So einfach scheint's und ist so schwer erreicht,
Gradaus des Wegs zu gehen, den man wählte.« ›Und wohin führt er dich?‹ »Zurück! Hinaus!« ›Du willst nach Haus?!‹ »An unsrer Liebe stählte
Sich meine Kraft. Jetzt halt ich alles aus.«