German poem
Du, der so lang im Herzen mich geborgen
by Gottfried Keller (1819–1890)
Du, der so lang im Herzen mich geborgen, Mit allen meinen grämlichen Gebrechen, Mit meinen hastig immer neuen Schwächen, Mit allen meinen wunderlichen Sorgen;
Die Hand vergessend botest jeden Morgen, Wenn ich die Nacht vorher mit blindem Stechen, Mit ungerechtem oder bittrem Sprechen Dir schnitt ins Herz, so treu und unverborgen;
Nicht um zu spähn nach Tadel oder Lobe, Will ich dir diese Lieder übersenden, Eh unsre Jugendtage ganz erblassen:
Nein, nur zur letzten schwersten Freundesprobe! Ich muß mich gegen deinen Glauben wenden – Wirst du mich darum endlich doch verlassen?