German poem
Der bescheidene Wunsch
by Gotthold Ephraim Lessing (1729–1781)
Der Pfennig, den man andachtsvoll Dem Priester beichtend geben soll, Gilt mehr als im gemeinen Leben Ein Pfennig, den wir Iro geben. Die Klügsten müssen durch Dukaten Den Sinn des kleinen Worts erraten. Man nehm es nicht buchstäblich an, Der Buchstab bringet Tod und Bann.
"Ach! schenkte mir mein lieber Gott Nur einst mein liebes bißchen Brot; Ich wollte mich begnügen lassen Und keinen Reichen neidisch hassen." Oh, das ist Staxen leicht zu sagen, Doch, wollt ihr eine Wette wagen, Stax schließet Fische, Braten, Wein Mit in den Wunsch des Brotes ein.
O Liebste! machet dir mein Mund Den heißen Wunsch nach Küssen kund, So wisse, daß ich mehr begehret Als dir mein scheuer Mund erkläret. Ein Kuß bei mir ist—Soll ichs sagen? Doch still! Du willst mich heimlich fragen. Komm! jener Lustwald ruft dir zu: O Mägdchen! was du tun willst, tu!