German poem
Der Mönch und die Jungfrau
by Gustav Schwab (1792–1850)
Was suchet ihr, zarte Jungfrau doch In unsrem Kloster, so steil und hoch? – „Euer Wald so grün, eure Kirche so licht Wen rufen sie zum Gebete nicht.?“
Der Mönch bald führt sie zur Waldcapell, Sie knieen zusammen auf einer Stell, Die Jungfrau hebt zum Himmel den Blick Der Mönch, er schaut nach der Maid zurück.
Und in des Mägdleins Herzen steht Als wie ein Engel, ein lichtes Gebet, Und in des Bruders finstrer Brust Da regt sich der lüsterne Satan in Lust.
Sie gehen zusammen hinaus in den Wald, Wie leuchtet der Jungfrau reine Gestalt; Der Bruder neben ihr, schwarz und schwer, Geht als ein dunkler Schatten einher.
„Es ist ein heißer’ schwüler Mittag, Die Sonn’ euch, Jungfrau, stechen mag!“ – „„Ach nein, mir deucht ihr Strahl so lind, Es mildern die Bäum’ ihn, es kühlt ihn der Wind.““
„Wir wollen uns freun, ihr liebliche Maid, Es rauschen die Bäume vor Lieb’ und vor Freud.“ – „„Wohl säuseln sie immer leis und sacht Zu Gottes Preise, bei Tag und bei Nacht!““
„Die Blätter, die Gräser, wie rothes Blut, Seht sie brennen, sie brennen in Liebesglut;“ – „„Die Blätter leuchten, sie brennen gar nicht, Euch aber glühet so wild das Gesicht!““
Sie hebet die Hände zu Bitt’ und Dank, Er recket die Arme zu frechem Umfang; „O rette mich, Herr! vor Sünd’ und Schmach!“ Sie springt in die Tiefe, der Bruder ihr nach. Gustav Schwab.