German poem
Kasperle-Verse
Die Verse schenkte Joachim Ringelnatz zu den Figuren, die Doktor Eugen Schmidt in Baden-Baden an Weihnachten 1933 für seine Kinder geschnitzt hatte und die in den vorliegenden Zeichnungen von ihm wiedergegeben sind
Seid ihr alle da? Ja?? Dann schreit einmal Hurra. Denn, geliebte Kinder Ich bin der Kasperle und bin wieder da. Bin vergnügt, seid ihr es auch. Lacht ein Loch euch in den Bauch Aber gebt dabei recht acht, Dass ihr nicht danebenlacht.
Wer hier stört und wer nicht gut Aufpasst, kriegt eins auf den Hut.
Ratet einmal, wer ich bin. Aber seht nicht näher hin.
Bin ich nicht die schönste Frau? Jung und frisch wie Morgentau?
Ha ! Ihr lacht ! - - Mama hat Recht: Ach, was sind die Menschen schlecht!
Rechts rum fahren ! Licht einschalten ! Namen nennen ! Ruhe halten ! Weitergehn ! Nicht stehenbleiben ! Rechts anschließen ! Unterschreiben ! Pass vorzeigen. Fünf Uhr drei Wiederkommen sechsten Mai Vierten Stock nach Zimmer zwei.
Ach, Wie wär’s um euch bestellt, Wär kein Schutzmann auf der Welt !
Ich, seit meiner Jugendzeit Suchte stets Gelehrsamkeit. Liebe Kinder, ihr versteht Nicht, was mir im Kopf rumgeht. Denn ihr seid, das will ich sagen Dümmer als ein Straußenmagen.
Hört mir zu und zweifelt nicht, Weil aus mir die Weisheit spricht.
Liebe Kinder, seid recht gütlich, Denn sonst werd ich ungemütlich. Übt Geduld und Nächstenliebe, Sonst Gibt’s Hiebe!
Werte Herrschaften, Freunde oder Kameraden ! Ich stelle mich hiermit Ihnen vor, und trinke auch gern ein Bier mit, Wenn sie mich dazu einladen.
Ich bin der Weltbekannte, Sogenannte Tippelmax. Mein Herz ist weich wie Wachs.
Ich werde viel gesucht (Meistens von der Polizei). Hab die Ehr ! Bin so frei !
Verzeihen Sie meine zerrissenen Sohlen. Ein Auto ist mir noch nie gestohlen. Ich mache die moderne Mode Nicht mit. - Nach meinem Tode Erbt gottseidank Kein Mensch von mir einen Kleiderschrank.
Verehrte Herrschaften, ich suche Stellung. Ich bin das Dienstmädchen Kloßblond aus Meißen. Ich kann allerbeste Zeugnisse aufweisen. Letzte Stellung verließ ich nur wegen Schwellung Meiner Backe. - Ich weiß, warum Sie lachen: Ich habe vergessen, einen Knicks zu machen.
Ich bin der von der Hölle entsandte Teufel. - Willkommen, ihr Schwefelbande !
Ich hoffe, dass ihr lügt, stehlt und recht schlecht seid. Damit ihr mir für die Hölle recht seid, Wo alle Menschen, die Böses taten, Von uns gequält werden, dann gebraten Dann durchgedreht durch die Fleischhackmaschinen Und ewig so weiter, wie sie es verdienen.
Ich bin der Doktor Mysteriös. Ich kann zehn Jahre schweigen. Wenn man mich reizt, kann ich sehr bös Meine Zähne zeigen.
Ich bin ein Zauberer von Beruf. Ich kann aus zerbrochenen Tassen Gold machen und aus einem Pferdehuf Eine Palme wachsen lassen.
Ich habe lang auf dem Monde gehaust. Ich kann ganz plötzlich verschwinden, Dass niemand mich jemals wird finden. Ich kann auch lügen, dass allen graust.
Empfehle mich Ihnen mit Handkuss.
Liebe Leute, ihr tut mir so leid! Ich danke euch, dass ihr gekommen seid. Euer alter König wünscht euch guten Morgen, Wollte sagen: Guten Abend. - Macht euch nicht Sorgen! Und geht jetzt beruhigt nach Haus, Ihr getreuen und braven!
Euer alter König Zieht sich jetzt die Stiefel aus Und geht schlafen.
Ich bin, wie Sie wissen, ihre Durchlaucht Prinzessin Knöllchen. - Ich bin so zart, Dass: wenn mich ein Mann anhaucht, Wächst mir sofort ein Bart
Hab aber noch nie einen Mann gesehn, Denn ich bin streng bewacht. Zehntausend Soldaten, die Tag und Nacht Mein Schloss umstehn, Lassen keinen Mann herein.
Mein Herz ist aus Seide und Elfenbein.
Was sagt ihr da ? Ihr kennt mich nicht, Den Dienstmann Kümmelhärchen ? Na seht mir doch mal ins Gesicht. Ist das nicht wie ein Märchen ?
Dass ich mal Droschkenkutscher war, Dann Boxer mit sechs Preisen Und dann Portier, das ist doch klar Und will noch nichts beweisen.
Doch wenn ihr mir einen Auftrag gebt (Und Sie gut Trinkgeld geben), So irgendwas, wo man schwer hebt, Dann werdet ihr was erleben !
Ich bin das Riesenkrokodil. Meine Großmutter war ein Drachen. Ich verschlucke, wenn ich will, Einen Esel und noch größere Sachen.
Ich liege oft tausend Jahre still Und klappere dann mit den Zähnen. Ich bin das Riesenkrokodil. Ich kann entsetzlich gähnen. Klapp Klapp Schnapp Schnapp UOHAHHH .....
Ich bin der Tod. Ich trinke weder Wein Noch esse ich Kuchen, Noch sonstwas. Ich bin nur Gebein. Aber ich muß jeden Menschen einmal besuchen, Um ihn - früher oder später - Dorthin zu holen, wohin Mütter und Väter Und manches Kind Schon lange geholt worden sind.
Dort werden die Schlechten ausgelesen. Aber die Anderen, die gut gewesen, Kommen wieder fröhlich hervor, So Kasperle mit goldnen Humor.
BRRRRRR !
Ich komme und gehe wieder, Ich, der Matrose Ringelnatz. Die Wellen des Meeres auf und nieder Tragen mich und meine Lieder Von Hafenplatz zu Hafenplatz.
Ihr kennt meine lange Nase, Mein vom Sturm zerknittertes Gesicht.
Dass ich so gern spasse Nach der harten Arbeit draussen, Versteht ihr das? Oder nicht ?
Erstmalige Veröffentlichung aus dem Nachlass. Alle Rechte des Vortrages, Nachdrucks und der Übertragung durch den Verlag Die Wage, Berlin