German poem
An Selinde, die Leipziger Leonore
by Johann Christian Günther (1695–1723)
Hier setze dich, verschämtes Kind! Hier ist gut sein, hier laß uns bleiben, Wo Lind' und West gesprächig sind Und Fels und Wald den Gram vertreiben. In dieser grünen Einsamkeit, Wo Bach und Stein' und Blätter rauschen, Soll weder List, Gefahr noch Neid Den süßen Frühlingsscherz belauschen.
Die Schätze deiner keuschen Zucht Und der noch unberührten Brüste Sind wahrlich eine seltne Frucht, Nach der ich innerlich gelüste; Erschrick nicht vor der schnellen Hand Und laß sie in dem Busen spielen; Ich führe dich in einen Stand, Des Lebens Kern und Mark zu fühlen.
Wohin mein Kuß die Wange drückt, Da wächst der Rosen Glanz und Menge; Sobald mich nur die Haut entzückt, Kommt Herz und Sehnsucht ins Gedränge; Da wallt, da springt es in der Brust, Da will es sich genau verbinden; Ach, paare doch mit ihm die Lust Und laß es seine Ruhstatt finden.
Vor was errötest du, mein Licht? Ich werde dich nichts Böses lehren, Du kennst das süße Spiel noch nicht, Dein Anblick raubt mir Sehn und Hören. Die Liebe wünscht dich in ihr Reich, Gehorch ihr doch auf mein Erklären, Sie wird sich dir und dies zwar gleich Mit aller ihrer Lust gewähren.
Sie ist der Erden höchstes Gut, Sie gibt dem Leben erst das Leben: Erforsche nur dein eigen Blut, Es wird dir heißen Beifall geben. Ich weiß, ein unbekannter Zug Erhitzt dir Adern, Brust und Wangen, Ach, werde doch beizeiten klug Und hintertreib nicht dein Verlangen.
Beschau die Werke der Natur, Betrachte Bäume, Feld und Tiere, Und lerne, wie der Liebe Spur Dich überall zum Scherzen führe. Wodurch sind ich und du denn da? Zu was bist du nebst mir geboren? Der, so die Welt im Wesen sah, Hat uns zum Lieben auserkoren.
Als er gegen seine Schöne sich etwas zu frei aufgeführet hatte
Hat jemals Furcht und Scham, du angenehmes Kind, Dem wenig an Verstand und Schönheit ähnlich sind, Den angesetzten Kiel mir in der Hand verrücket, So ist es wahrlich wohl auf diesen Tag geschehn, Da meine Grobheit es um deine Gunst versehn Und meine Demut sich vor deinem Eifer bücket.
Ich fühle deinen Zorn, der als ein scharfes Schwert In meine Seele dringt und durch das Herze fährt; Ein jeder Blick von dir verweist mir das Verbrechen: Mich deucht, ich sehe schon, wie heftig, wie erhitzt Der Augen Wetterstrahl auf meine Scheitel blitzt; Mich deucht, ich höre dich schon zu dir selber sprechen:
Ist dies der schöne Mensch, der sich so heilig stellt, Und der kein Wasser trübt, bis er ins Wasser fällt? Das, wahrlich! hätt' ich mich von ihm nicht träumen lassen, Das hätt' ich auch in ihm mit Spießen nicht gesucht. O großer Aberwitz! O Junggesellenzucht! Ach, möchte doch ein Strick ihn bei der Gurgel fassen.
Ach, keusche Marilis, dein Eifer ist gerecht, Die Strafe noch zu klein und dein gefallner Knecht Nicht würdig, nur ein Wort vor dich mehr aufzusetzen; Ruf alle Henker auf, sprich mir das Leben ab, Stoß den zerfleischten Leib in ein beschimpftes Grab; Auch dieses müßt' ich noch vor eine Gnade schätzen.
Allein was nützt dir wohl die schlechte Hand voll Blut Des Sünders, der in Staub und Asche Buße tut? Zum Kreuze kriech ich jetzt, wie gestern in das Bette. Erwäge meine Reu, schau meine Tränen an Und glaube, daß kein Mensch so ernstlich weinen kann, Wenn er, wie Petrus, gleich auch Gott verleugnet hätte.
Ich rede fast zuviel, jedoch der herbe Schmerz Beraubt mich der Vernunft, und mein beklemmtes Herz Hat in der Brust nicht Raum, weil es der Kummer schwängert. Erbarme dich, wo noch Erbarmung übrig ist. Du weißt es ohnedem, der ist kein guter Christ, Der, wenn er helfen kann, des Nächsten Pein verlängert.
Vergib, vergiß und nimm vor das, was ich verübt, Dies Blatt, so meine Faust dir zitternd übergibt, Und schenke meiner Haut vor dieses Mal die Strafe, Entreiß mir deinen Zorn, der mich wie Feuer schmerzt. Schweig! doch so jemand fragt, ob Günther dich geherzt, So gib zur Antwort: Ja! Er tat es nur im Schlafe.