German poem
Aus einem Schäfergedicht
by Johann Christian Günther (1695–1723)
Er erinnert sich voriger Zeiten.
Was muß doch mancher Mensch nicht tragen! Nun kommt das dritte Jahr ins Land, Seitdem das Wachstum meiner Plagen Mir allen Rat und Trost entwandt. Das Glücke greift mich allenthalben Und zwar mit allen Pfeilen an, O, daß ich jetzt nicht mit den Schwalben Verschlafen oder flüchten kann!
Ich will mein Kreuz in Rechnung bringen: Die Menge läßt es nicht geschehn; Ich will mich durch Verzweiflung zwingen: Ja, dürft' ich keinen Himmel sehn; Gewohnheit macht die Not erträglich, Jedoch nicht mir, sie ist stets neu, Der Himmel aber unbeweglich; Wer sagt, wie mir zumute sei!
Ich selbst verfalle vor den Jahren Und zehre mich fast stündlich ab Und denke bei den grauen Haaren: Gott geb, jetzund erscheint das Grab. Erschein' ich einmal auf den Festen, So fragt mich jede Schäferin, Warum ich bei so schönen Gästen Nicht aufgeräumt und munter bin.
Ach Schweidnitz, könnt' ich dich vergessen, O, was entbehrt' ich jetzt vor Gram! Ich habe deine Milch gegessen, Seit diesem acht' ich keinen Rahm. Lebt wohl und grünt, ihr fetten Auen, Und weidet Leonorens Brust, Ich werd' euch wohl nicht wieder schauen, Es machte denn ein Traum die Lust.
Ach läge doch mein Haupt im Schlummer Nur noch in Leonorens Schoß! Wie gern erlitt' ich allen Kummer, Mein Elend wär' auch halb so groß. Hier miss' ich nun in fremden Grenzen Glück, Ehre, Vaterland und Ruh: Geht, Nymphen, geht mit euern Kränzen Und werft mir lieber Buchsbaum zu.