German poem
Der Seelen Unsterbligkeit
by Johann Christian Günther (1695–1723)
Seele, wirf den Kummer hin, Deiner Hoheit nachzudencken, Und las dir den freyen Sinn Durch des Leibes Last nicht kräncken; Diese Bürde, so man trägt, Wird in kurzem abgelegt.
Die Gefangenschaft vergeht, Stahl und Feßel müßen brechen; Unsers Lebens Alphabet Ist ja noch wohl auszusprechen, Macht doch auch die ganze Zeit Keinen Punct der Ewigkeit.
Sclaven werden endlich frey Und der Kercker aufgebrochen, Wenn des Todes Tyranney Ihren Feinden Hohn gesprochen; Ja, der längste Richterstab Reichet selten bis ins Grab.
Heiden mögen mit der Gruft Ihren Hofnungsport verschließen Und, wenn das Verhängnüß ruft, Thränen vor Verdruß vergießen, Weil sie dieser Wahn betriegt, Daß der Geist zugleich verfliegt.
Unser Glaube bricht die Bahn Durch den Kirchhof in das Leben. Wer die Welt nicht grüßen kan, Lernt ihr zeitlich Abschied geben; Denn er glaubet, daß der Geist Sich der Sterbligkeit entreißt.
Nun wohlan, ich bin bereit, Meine Glieder hinzulegen; Denn des Todes Bitterkeit Führet uns auf Dornenwegen In des Himmels Rosenfeld, Wo die Wollust Tafel hält.
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