German poem
Ihr schönen Kinder, sagt, wo kommt die Sehnsucht her
by Johann Christian Günther (1695–1723)
Ihr schönen Kinder, sagt, wo kommt die Sehnsucht her, Euch, die ihr Jungfern seyd, einander selbst zu küßen? Ja, wenn halb Frau, halb Mann an euren Gliedern wär, So thätet ihr noch recht, die seltne Lust zu büßen. Allein bedenckt es doch, das ist nur Brodt zu Brodt; Kein Frauenzimmer kan bey seines gleichen fühlen, (Ich bitte, werdet nicht bey dieser Zeile roth!) Wie zärtlich und entzückt verliebte Seelen spielen. Begehrt ihr rechten Scherz, so hört den guten Rath Und last mich zwischen euch und eure Küße liegen; So wahr ich ehrlich bin, ich will auf frischer That Mit Nachdruck euren Geist viel zärtlicher vergnügen. Nur fraget nicht voraus, wer diesen Reim gesezt; Es ist zum wenigsten ein Mensch, der euch verehret Und der euch, wo ihr ihn des Umgangs würdig schäzt, Vielleicht manch schöner Ding als ihr einander lehret.
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