German poem
Schwur der Treue
by Johann Christian Günther (1695–1723)
An Leonore
Eher tot als ungetreu! Dieser Leichentext soll zeugen, Daß ich, wenn die Wetter steigen, Gleichwohl Leonorens sei!
Eher tot als ungetreu! Soll ich dich, mein Kind, nicht heben, Halt' ich alle Lust im Leben Vor des Himmels Tyrannei.
Eher tot als ungetreu! Was gewinnt man auf der Erden? Hoffnung, Kummer und Beschwerden Und zuletzt nur späte Reu!
Eher tot als ungetreu! Irrtum, Sehnsucht und Gedanken Reißen durch der Jugend Schranken Unsre Freude bald vorbei.
Eher tot als ungetreu! Treue Liebe läßt die Plagen Böser Zeiten noch ertragen Und erquickt in Sklaverei.
Eher tot als ungetreu! Du mein Schatz und ich dein Glücke, So verlachen wir die Stricke Der vergällten Heuchelei.
Eher tot als ungetreu! Neid und Pöbel kann nicht fassen, Wenn wir ihm die Güter lassen, Wie so wohl uns beiden sei.
Eher tot als ungetreu! Tröste dich mit diesem Spruche, Näh' ihn auf dem Leichentuche Neben unser Konterfei!
Eher tot als ungetreu! Glaube das, du treue Seele, In der finstern Grabeshöhle, Schläft mir auch dein Schatten bei!