German poem
Das Land- und Seeleben
by Johann Gottfried Herder (1744–1803)
Wenn das bläuliche Meer im sanften Winde sich kräuselt, Reget mich auf mein schüchterner Muth. Die ländliche Muse Reizt mich nicht; es reizet mich mehr die Stille des Meeres. Aber ertönt dann wieder die grause Tiefe: das Meer schlägt Hohle Wellen und schäumt; auf Wogen stürzen sich Wogen: Schnell wend ich die Augen zu Erd’ und Bäumen und siehe Den gefährlichen Grund: des Landes Boden allein scheint Mir denn sicher, allein gefällig der schattige Hain dann, Wo auch mitten im Sturm melodisch säuselt die Fichte. Wahrlich ein Fischer lebt ein armes Leben; ein Nache Ist sein Haus, er ackert im Meer, er jagt in den Wellen Trüglich. Indeß ich unter dem breitbeblätterten Ahorn Schlummere süssen Schlaf und höre die murmelnde Quelle, Die uns Ländliche sanft ergötzt und nimmer erschrecket.