German poem
Die Fahne und der Teppich
by Johann Gottfried Herder (1744–1803)
Zu Bagdad im Pallaste redet’ einst Die Kriegesfahne so den Teppich an: „Wir, Eines Herren Diener, Ich und Du, wie anders gar ist unser Dienst und Lohn! Ich, matt von Zügen, und mit Staub bedeckt, bin ohne Rast und Ruh, auf Reisen stets, und allenthalben der Gefahr voran. Du, fern von Wüsten, Staub, Gefahr und Müh, von Schlachten fern und von Belagerung, weilst hier am Hofe unter Jünglingen und Jungfraun, schöner als der schöne Mond von Salben duftend, mir an Herrlichkeit und Ehre weit voran. Ich, in der Hand der Diener, jetzt der rauhen Winde Spiel, jetzt eingefesselt und dahin gestellt. –“ Der weiche Teppich sprach: „dagegen hebst du auch dein stolzes Haupt zu Sternen auf; ich liege hier zu meines Herren Fuß und bin als Sklave nur geehrt und reich. Wer Ehrsuchtvoll sein Haupt erhebet, der sucht in der Höhe selbst Gefahr und Sturm.“