Versos German Johann Gottfried Herder Die Lüge

German poem

Die Lüge

by (1744–1803)

Listen in the reader

In Unmuth hieß ein König Augenblicks den Sklaven tödten, der ihm mißgefiel. Beraubet aller Hoffnung, stieß verzweifelnd der Arme Lästrung aus. So greifet Der, der nicht entfliehn kann, selbst ins scharfe Schwert.

„Was spricht er?“ fragt der König. „Herr, er spricht: (antwortet ein verständiger Mann am Thron.) Das Paradies ist Derer, die den Zorn bezähmen, und dem Sterblichen verzeihn!“

„So sei ihm dann verziehen!“ sprach der Fürst. „Nicht also!“ fiel ein Höfling ein. „Monarchen muß man die Wahrheit sagen. Herr! er schalt!“ „Und hätt’ er auch gescholten! sprach der König. Die Lüge dieses guten Mannes war mir nützlicher, als deine Wahrheit. Sie besänftigte mein Herz; du bringst es auf.“

Des Menschenfreundes Lüge in der Noth Ist edler, als des Menschenhassers Wahrheit.