German poem
Die unnütze Mühe
by Johann Gottfried Herder (1744–1803)
Sind die Gesänge schön, die ich singe, wie sie die Muse Mir verleihet: so werden auch sie schon Ehre mir bringen. Und gefallen sie nicht, wozu die weitere Mühe? Hätte Jupiter uns, hätt’ uns die windende Parze Zwo Lebzeiten zu leben gegönnt, die Eine voll Arbeit Eine andre voll Freuden und Lust, daß man sich der Mühe Nun begeben könnt’ und ihre Früchte genießen. Aber da uns die Götter nur Einen flüchtigen Kreislauf Senden, ihn durchzuleben, der schnell und allen ungnügsam Wegrollt; ach wir Arme! wie lange wollen wir mühend Uns abmatten? wie lange den Geist auf Wucher und Künste Wenden, immer begehrend mehr und reichere Güter. Wahrlich, wir vergessen, daß uns zum Tode gebohrnen Eine kurze Zeit die Parze zu leben bestimmt hat.