German poem
Lied eines Gefangenen
by Johann Gottfried Herder (1744–1803)
Eine Spanische Romanze.
Wohl ist nun der schöne Maimond, Da die Lüftchen wehn im Thal, Da die Lerche lieblich singet, Lieblich singt die Nachtigall.
Da sich Treugeliebte wieder Neu dem Dienst der Liebe weihn; Und ich armer sitz’ im Kerker, Sitze traurig und allein,
Weiß nicht, wenn es draußen taget, Weiß nicht, wenn die Nacht bricht an; Einst noch kam ein Vöglein droben, Und sang mir den Morgen an. Aber ach! ein böser Schütze Schoß es – lohn’ ihm Gott dafür! Ach, die Haare meines Hauptes Reichen fast zur Ferse mir.
Und die Haare meines Kinnes Könnten wohl mein Tischtuch seyn, Und die Nägel meiner Finger Mir ein scharfes Messer seyn.
Ist es so des Königs Wille – Nun er ist mein hoher Herr! Aber thuts der Kerkermeister, Ist er ein Abscheulicher.
O! daß Jemand mir mein Vöglein Wiedergäbe! Wär’s ein Staar, Der hier mit mir schwatzen könnte, Oder eine Nachtigall, Wär’s ein Voglein, das die Damen Zu bedienen willig wär’, Zu Lenoren, meiner Lieben, Trüg’ es Botschaft hin und her,
Brächte mir von ihr gefüllte Speisen, nicht mit Salm gefüllt, Eine Feil und eine Pfrieme Wäre drinnen wohl verhüllt.
Eine Feile für die Fessel, Eine Pfrieme für das Schloß. – Also sang er in dem Kerker, Und der König hört’ am Kerker, Und gab den Gefangnen los.