Versos German Johann Nikolaus Götz Anakreons Vermählung

German poem

Anakreons Vermählung

by (1721–1781)

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Eines Tages kam Cythere An dem Fuse des Parnaßes Zu Anakreon dem Dichter; Und ersucht ihn, ihren Knaben, Der so wild zu unterrichten. Gleich nahm er ihn in die Lehre; Lehrt ihn der Camönen Künste; Macht ihn sittsam und gehorsam Gegen seine schöne Lehren; Und gewöhnt ihn, vor den Musen Stets gekleidet zu erscheinen.

Lange nachher kam sie wieder. Weiser, und geliebter Dichter, Sprach sie, was kann ich dir geben, Deinen Fleiß an meinem Kleinen Nach Verdienste zu belohnen? Du erzogest ihn so sittsam, Daß ihn alle Pierinnen, Daß ihn alle Menschen lieben. Möchtestu doch selber sagen, Wie ich dich belohnen könne! Soll ich von den Charitinnen Dir die Artigste vermählen? Oder willstu eine andre?

Er erwiederte bescheiden, Und mit großer Ehrerbietung: »Ach! wen kann ein Weiser lieben, Wenn er dich einmahl gesehen, Göttin, wie ich dich gesehen!«

Sie verstund ihn, und vermählte Sich in des Parnaßes Gärten Mit ihm, in geheimer Stille. Wenn sie badete, so hielt er Ihren Gürtel in Verwahrung; Wenn er dichtete, so schrieben Ihre Gratien die Lieder, Die sie ihn verbessern lehrte. Amor selbst mußt ihn bedienen: Ihm den alten Bart von Silber, Ihm die alten Locken salben, Ihn bey holdem Sonnenscheine An der Hand spazieren führen, Ihm die goldne Leyer tragen, Ihm, mit jedem neuen Morgen, Neue Rosenkränze binden, Und um seine Schläfe winden; Und ihn immer: treuer Lehrer! Und ihn immer: Vater! nennen. Niemand wolle sich verwundern, Daß man seine Kleinigkeiten Annoch liest, und übersetzet. »Was die Gratien geschrieben, Was Cythere selbst verbessert, Ueberlebet alle Zeiten, Und bleibt ewig liebenswürdig.«