German poem
Bey Erblickung einer schönen Person
by Johann Nikolaus Götz (1721–1781)
Welche schöne Schäferin, Die auf dieser Morgeninsel Wie die reinste Sonne strahlt? Keuschheit, Unschuld, Sittsamkeit Folgen ihren muntern Schritten Mit verschrenkten Armen nach, Und verschönern ihre Schönheit, Die Auroren neidisch macht. Über ihrem Scheitel gauckelt, Ein in sie verliebter Schwarm Buhlerischer Morgenlüfte, Die mit feuchten Fittichen In dem Sonnenstrale funkeln, Und ihr Tropfen hellen Thaus Auf den weissen Busen sprützen, Wo der Überfluß sich bläht. Vor ihr hüpft die Frölichkeit In dem weissen Sommer-Kleidgen, Und die Schertze, nebst den Spielen, Die, gleich kleinen Engelchen, Aus den angefüllten Schürtzgen Mit den kleinen Götterhänden Rosen, Veilgen, Lilgen holen, Und die Schöne, und den Pfad, Wo die Schöne geht, bestreuen. Himmel! nun erkenn ich sie! Himmel! ja es ist Aglaja! O mit welcher Lieblichkeit! Trägt sie auf den weichen Armen, Nächst dem Herzen, an der Brust, Ihre holde Augenweide Das geliebte junge Lamm, Und beglücket es mit Küssen, Die der Himmel selbst sich wünscht! O mit welcher Majestät! Wallt sie nach dem Myrthenwäldgen, Wo ihr liebster Athamas, Voll Begierden auf sie wartet; Cypria war minder schön, Wenn sie mit den keuschen Nymphen Und den nackten Gratien Unterm hellen Abendsterne Von Siciliens Gebürge, In die stillen Thäler stieg.