German poem
Venetianische Epigramme — III (Immer halt' ich die Liebste…)
Immer halt' ich die Liebste begierig im Arme geschlossen, Immer drängt sich mein Herz fest an den Busen ihr an, Immer lehnt mein Haupt an ihren Knieen, ich blicke Nach dem lieblichen Mund, ihr nach den Augen hinauf. Weichling! schölte mich Einer, und so verbringst du die Tage? Ach, ich verbringe sie schlimm! Höre nur, wie mir geschieht: Leider wend' ich den Rücken der einzigen Freude des Lebens; Schon den zwanzigsten Tag schleppt mich der Wagen dahin. Vetturine trotzen mir nun, es schmeichelt der Kämm'rer, Und der Bediente vom Platz sinnet auf Lügen und Trug. Will ich ihnen entgehn, so faßt mich der Meister der Posten, Postillone sind Herrn, dann die Dogane dazu! "Ich verstehe dich nicht! du widersprichst dir! du schienest Paradiesisch zu ruhn, ganz, wie Rinaldo, beglückt." Ach! ich verstehe mich wohl: es ist mein Körper auf Reisen, Und es ruhet mein Geist stets der Geliebten im Schoß.
More by Johann Wolfgang von Goethe
- Venetianische Epigramme — CXXXVII (Was ich am meisten besorge…)
- Venetianische Epigramme — CXXXVIII (Auszuspannen befiehlt der Vater die…)
- Venetianische Epigramme — I (Sarkophagen und Urnen verzierte der…)
- Venetianische Epigramme — II (Kaum an dem blaueren Himmel…)
- Venetianische Epigramme — IV (Das ist Italien, das ich…)
- Venetianische Epigramme — IX (Feyerlich sehn wir neben dem…)
- Venetianische Epigramme — L (Alle Freyheits=Apostel, sie waren mir…)
- Venetianische Epigramme — LI (Könige wollen das Gute, die…)