Versos German Johannes Daniel Falk Das Schlachtfeld auf Mons

German poem

Das Schlachtfeld auf Mons

by (1768–1826)

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Ach, wie ist’s nun so todtenstille! Vergossen ist der Krieger Blut; Verhallt der Donner laut Gebrülle; Versohnt der Menschen Tygerwuth; Das Mitleid kehrt in ihren Blick, Die Menschlichkeit ins Herz zurück; Dem starren Aug’ entlokt die Wehmuth heisse Thränen Beym Anblick dieser grausen Scenen. Nun sucht der Waffenfreund den alten Waffenfreund; Auf Todten finden sie sich wieder, Und schütteln sich die Hand und jauchzen laut wie Brüder, Die scheiterten, wann sie ein naher Strand vereint. Doch viele wandelten ins stumme Reich der Schatten. Von diesen sucht der Freund die heil’gen Reste auf, Mit frommer Hand sie zu bestatten, Und läßt den Thränen freyen Lauf.

Hier liegt, zerschmettert vom Geschütze, Ein blüh’nder Sohn, des alten Vaters Stütze. – Ach einsam harrt der blinde Greis daheim, Am Fenster seiner stillen Hütte, Und lauscht im Dunkel auf des lieben Sohnes Tritte – Ach nimmer, nimmer kehrt er heim! – – Der alte Mann wird seinen Tod erfahren, Und ach! sein graues Haupt vor Gram zur Grube fahren. Hier sank ein Vater. Sein Gebein Wird fern von Weib und Kind im fremden Lande modern; Die Gattin härmt sich ab im öden Kämmerlein, Wann Kinder sehnsuchtsvoll von ihr den Vater fodern, Und täuscht, vertröstend, sie auf seine Wiederkehr. Sie harren lang. Einst kehrt im Siegesklang das Heer: Wo ist mein Vater? ruft mit Ungestüm der Knabe; Dann bricht sie schluchzend aus: Ach, liebes Kind, im Grabe!

Hier haucht ein Jüngling, halb zerrissen, Sein sanftes Leben aus. Dem Arm der Braut Entwand er sich und ihren Abschiedsküssen, Und Freyheit war sein letzter Laut. Das Mägdlein grämt daheim sich bleich und hager; Die schwarze Ahndung zeigt ihr oft um Mitternacht Das Bild des blutenden Geliebten in der Schlacht, Und schreckt sie wild empor vom naßgeweinten Lager. Wer aber ist der jugendliche Held, Aus dessen Brust so laut des Lebens Quelle sprudelt, Und dessen Antlitz, selbst von Staub und Blut besudelt, Durch sanften Reitz im Tode noch gefällt? – Hier sank er im Gewühl von Reisigen und Rossen – Sein gelbgelocktes Haupt, sein zarter Leib, Sein blaues Auge halb geschlossen – Täuscht mich mein Blick? Wie, seh ich recht? Ein Weib?

Entflieht, entflieht ihr Töchter sanfter Freude! Wer leitet euern Pfad ins ernste Blutgefild? Wer hat mit diesem Kriegsgeschmeide Den feinen Gliederbau umhüllt? Der zarten Weiblichkeit verschämte Freuden winken Mit einem süssern Tod. Uns ziemt das blut’ge Recht, Dem rauhen Manne ziemt’s, im heissen Kampf zu sinken. Entflieht! Vertilgt nicht auch das keimende Geschlecht! Du aber, himmlische Begeistrung stimme Herab den kriegerischen Klang, Und lisple lesbischen Gesang, Daß zärtlich jedes Aug’ in Thränen schwimme, Und wenn dein leiser Laut zur Nachwelt überschwebt, Noch oft die Enkelin mit sanftem Schau’r erbebt; Sing von dem Heldenmuth Vivonnens, und verkünde Die Liebe und den Tod der schönen Adelinde!

Dort, wo die spiegelnde Garonne, rund umpflanzt Von Weingebirgen, froh umhüpft von Winzerinnen, Und von der Sichelklang begrüßt, ins Weltmeer tanzt, Liegt im Gebüsch versteckt, wie von den Huldgöttinnen Zum Reihen auserseh’n, geborgen vor dem Strahl Der Sonne, ein romantisch Thal, In sanften Krümmungen vom klaren Strom durchschnitten Und um und um bekränzt mit grünen Winzerhütten. Nie unterbrach des Lebens süßen Traum In dieser holden Au der ungestüme Mangel; Hier bog der Ueberfluß den reifen Dattelbaum, Glüht’ in der Traube, zappelt’ an der Angel, Und spann im Seidenwurm. In diesem Himmelsstrich, Der keinem Paradies an Amuth wich, Erblikten Adelinde und Vivonne Zuerst das goldne Licht der Sonne.

Durch nichts als eine Hüttenwand Getrennt, und seit dem Gängelband Vereint – Was Wunder, wenn im ersten Flügelkleide Ein zartes Bündniß schon die Liebenden verband, Daß Adelinde jede Freude, War nicht Vivonne da, nur halb empfand, Daß man sie überall im Garten, Feld und Heide Als Kinder schon zusammen spielend fand. Sobald der Winter wich, und laue Winde Um Blumen gaukelten, die Lerche wieder sang Die Störche klapperten und der Garonne Münde Von weissen Seegeln schwoll, von Schiffsgesang erklang, Dann trippelte sogleich die kleine muntre Dirne Ihr Körbchen unter’m Arm ins Veilchenthal, und wand Sich einen Veilchenkranz, und band Ihn süßerröthend um Vivonnens Stirne.

Auch von Vivonnens Seite ward, Die kleine Dirne liebzukosen, Wie leicht zu denken, nichts gespart: Er flocht ihr Lauben, pflanzt’ ihr Rosen, Er bracht’ ihr Feigen, Aprikosen, Und bunte Schmetterling’, und Vöglein aller Art, Und wenn sie schlief, so kam er leis’ herangeschritten Mit Blumen sie zu überschütten. Kein Sprößling, der im Thale sich erhub, Und jungen Schatten warf, Vivonne grub Alsbald in seine zarte Rinde Den süßen Namen Adelinde. So schlich sich unter Spiel und Scherz Der Liebe süsses Gift in beyder Herz; Sie ahneten kein Arg. Einst aber zog Vivonne Zu einem Oheim jenseits der Garonne.

Da wurden sie zuerst gewahr, Wie unentbehrlich Eins dem Andern war. Nie hatte sie den Höllenschmerz empfunden, Den sie empfand, als nun im blassen Abendroth Die Flaggen von dem kleinen Boot, Auf dem ihr Liebling fuhr, dem nassen Aug’ entschwunden. Nie war’s ihm so beklemmt, so bang und wehmuthsvoll, Als da er von ihr scheiden soll. Kein Spiel ergötzte mehr die schöne Adelinde; Schwarz war das Morgenroth, öd’ ihr Orangenhain, Verwelkt das frische Grün von ihrer Lieblingslinde, Verhaßt war ihr des Mondes Silberschein; Vivonne lispelt’s sanft von allen Zweigen, Sie glaubt sein Bildniß überall zu sehn, Sie sieht’s dem grauen Schooß der Flut entsteigen, Hört seine Stimme sanft herüberwehn.

Von Thränenströmen ward auch sein Gesicht nicht trocken, Ihm fehlt’ auf seiner Fahrt, er wußte selbst nicht was; Bald schlug das Herz ihm laut, bald fühlt’ er’s wieder stocken; In Träumerey versunken saß Er einen Augenblick, dann fuhr er, halb erschrocken, Von seinem Sitz empor, und wurde roth und blaß, Wann die Gefährten in dem Nachen Von Adelindens Reizen sprachen. Man landet in der kleinen Bay, An der sein Oheim eine Siedeley, Von Wald und Wasser lieblich eingeschlossen, Bewohnte. Hier fand seine Schwärmerey Zerstreuung. – Ein’ge Tage flossen Mit Jagd, und Vogelfang, und Fischerey vorbey; Am vierten bat er schon mit nassen Blicken Den Oheim, ihn zurückzuschicken.

Und Adelinde saß auf ihrer Rasenbank, In einer Rosenlaub’, am Ufer der Garonne; Ihr trüber Blick begleitete die Sonne, Die majestätisch jetzt in Westen niedersank. O wer beschreibt die namenlose Wonne, Als aus dem schattenden Gebüsch Vivonne, Der eben landete, auf einmal sprang Und unter tausend Küssen sie umschlang. Tief in die Seeligkeit des Wiederseh’ns versunken, Liegt von der Liebe süsser Macht besiegt, Von tausend Himmelsfreuden trunken, An ihre Brust der Jüngling angeschmiegt; Fühlt ihre Lipp’ an seiner Lippe brennen, Fühlt wie, von Liebesflammen aufgeregt Ihr zitternd Herz an seinem Herzen schlägt, Und schwört, sich nie von ihr zu trennen.

Schon schimmert über’s dämmernde Gebüsch Im Sternengürtel zauberisch Die stille Nacht empor; einsiedlerisch Entsteigt der Silbermond dem schwarzen Strom und spiegelt Sich in der Wasserfluth, durchblickt verrätherisch Der Laube Grün, wo sie den Liebesbund versiegelt: Da wandeln beyde Hand in Hand Nach ihrer Hütt’, entlang dem monderhellten Strand. Je mehr und mehr sah jetzt das ungewarnte Paar Im labyrinthischen Gewinde Der Liebe sich verstrickt, selbst ihre Unschuld war In beyder Brust der Keim zur süßen Sünde. – Vorüber rauscht’ ein ganzes Jahr In diesem Uebermaaß von Seligkeiten; Auf einmal scholl’s von Allen Seiten: Das Vaterland ist in Gefahr!

Von Waffen blitzen alle Straßen, Ganz Frankreich gürtet sich, zum blut’gen Kampf bereit; Der Heerd, der Pflug, die Werkstatt wird verlaßen, Und Greis und Jüngling stürzen in den Streit. Verdün und Longwy sind in Feindes Hand, Fayette selbst verläßt das Vaterland, Und Held Dümourier steht mitten Im steinigten Gefild Champagnens abgeschnitten. Ich war ein Mann, und bin ein Greis geworden, So rief Vivonnens Vater ingrimmsvoll; Und diesen Tag soll ich erleben? Soll Erleben, wie dieß rauhe Volk aus Norden In Frankreichs Fluren reißend bricht? Wankt nicht schon Thionville? Ist Longwys Veste nicht, Nicht Verdün schon ein Raub der Preussen? Auf, Jüngling, greife nach dem Eisen!

Die alterschweren Kniee wanken, Und unterm Schwert erzittert dieser Arm, Doch eh ichs dulde, daß das edle Volk der Franken Erschrickt vor einem Räuberschwarm, Eh soll mein graues Haupt von Blut sich purpurn färben. Dann lerne für sein Vaterland Von einem Greis der Jüngling sterben! Komm, reiche mir den Stahl von jener Wand. Mit thränenlosem Aug umgürtet Adelinde Des Jünglings Hüfte mit dem Schwerdt. Zeuch hin, ruft sie, und sey des Vaterlandes werth, Der Freiheit heil’ges Feur entzünde Mit Heldensinn, mit Kriegeslust Und hohen Trieben diese Brust [Zeuch hin. Mit narbenvollen Wangen Werd ich dich siegreich einst empfangen.]

Drey Tage zog der Jüngling mit dem Alten Durch Feld und Hayn, durch Berg und Thal; Am vierten Abend, da sie just ihr kleines Mahl Im Schatten eines Baum’s gehalten, Erschien ein feingebauter Mann, Geschmückt mit funkelndem Geschmeide, Den Hut ins Aug gedrückt, und da er höflich beyde Gegrüßt, so [bot] er sich zum Reisgefährten an. Die zarte Hand, der Wangen junge Rosen, Sein Anstand, sein gefäll’ger Gang. Sein bartlos Kinn, der Stimme Silberklang, Die Locken die vom weißen Nacken floßen, Verriethen bald, wer dieser Fremdling sey. Wer kann der Liebe Scharfblick hintergehen? Vivonnens Aug durchdringt die Mummerey, Und sieht sein Mädchen vor sich stehen.

Umsonst ermahnt, befiehlt und droht Der Greis; umsonst beschwört mit tausend Zähren Der Jüngling sie, zurückzukehren. Nichts mehr von Trennung, nichts! Ich folg euch in den Tod, So rief entschloßen Adelinde; Weit beßer, daß er mich an eurer Seite trift, Als daß ich von verborgnem Gift Verzehrt, langsam zum Grabe schwinde! Gespornt von Ungeduld, bald auf des Ruhmes Bahnen Willkommene Gefahren zu bestehn, Erreichen sie die vaterländ’schen Fahnen, Die vor Gemappe ausgebreitet wehn. Hier sah man sie vereint die schwersten Kämpfe theilen, Biß jener Tag erschien, wo, angeführt vom Sieg, Der Franken Heer, trotz Klairfaits Donnerkeulen, Die furchtbarsten Verschanzungen erstieg.

Schon wich der Feind von allen Seiten, Als unbezähmter wilder Kriegesgeist, Den Flügel, wo der Greis und Adelinde streiten, Tief in der Feinde dichte Haufen reißt, Er sieht von deutschen Reitern sich umrungen, Die mörderisch durch seine Glieder mähn, Durch Menge wird die Tapferkeit bezwungen, Und niemand kann dem Andrang widerstehn. Nicht weit davon empfieng Vivonnens Heldenmuth Der Feinde hochgeschwollne Fluth Mit starkem Arm gleich einer ehrnen Mauer, Bis Mark und Kraft aus seiner Faust entwich. Da blickt er um, und – kalte Schauer Ergreifen ihn – und sieht von seinen Theuren sich Gerissen, sieht den Greis erschöpft zu Boden sinken, Und Säbel blitzen über Adelinden.

Nacht wirds vor seinem Angesicht, In seinem Ohr verstummt das Schlachtgetümmel, Besinnungslos starrt er zum Himmel, Ein fürchterlicher Kampf – dann siegt die Kindespflicht, Und wüthend rennt er fort, dem Vater beyzuspringen. Schon hat er sich durch Feind und Leichen Bahn gemacht, Entreißt sein Haupt den schon gezückten Klingen, Und trägt mit starkem Arm ihn aus der Schlacht. Er kommt zurück. Der Feind ist auf der Flucht, Doch keine Spur von Adelinden. Nachdem er lang verzweifelnd sie gesucht, Steht er – o ewiges Geschick! Laß ihn erblinden! Entseelt sie auf dem Wahlplatz ausgestreckt. Der Grund wankt unter seinen Füßen, Lautschreiend stürzt er an ihr hin, bedeckt Den bleichen Mund mit glüh’nden Küßen.

Mit starrem thränenlosem Blick, Umklammert er die kalte Hülle; Sein Geist versinkt in fürchterliche Stille, Doch bald ruft ihn der Schmerz zurück. Auf springt er mit empor gesträubten Haaren, Und wo des Grabes offner Rachen droht, Im dichtesten Gedräng der Schaaren, Sucht er – und findet er den Tod.