Versos German Johannes Scherr Auf dem Bodensee 11ten August 1849

German poem

Auf dem Bodensee 11ten August 1849

by (1817–1886)

Listen in the reader

Wende einmal noch den Blick Von des raschen Dampfers Bord Nach dem Heimatstrand zurück, Mählig schon verblauend dort!

Noch ein letztes Grüßen laß An das teure Ufer schwellen, Einer Abschiedsträne Naß Darf dir wohl im Auge quellen.

Oft schon zog ich fremdenwärts, Aber stets auf Wiederkehr, Jetzo, ahnt dies bange Herz, Wiederkehrst du nimmermehr.

Sei’s: im Leide wie in Lust U. verstoßen u. verbannt Rufe ich aus voller Brust: Heil sei dir, mein Vaterland!

Ob du meine Lieb’ mit Haß U. mit Spott u. Hohn vergolten, Ob du ohne Unterlaß Mich verleumdet und gescholten,

Meines Wollens Lauterkeit Weggeleugnet u. verkannt, Dennoch, jetzt u. allezeit, Heil sei dir, mein Vaterland!

Aus der Wetterwolken Nacht, Die, geliebtes, dich verdunkeln, Mögen bald in heller Pracht Freiheitsblitze zündend funkeln.

U. darauf wie Donnerhall An der Trone morsche Stützen Brause unsres Liedes Schall – Bebt auf euren goldnen Sitzen.

Bebe, Brut der Tyrannei, Bebt, Meineidige u. Verräter! O, der dumpfe Schmerzensschrei, Welchen Mütter, Schwester, Väter

Ueberall auf deutscher Erde Auf den blassen Lippen tragen, Er muß künden euch, es werde Der Vergeltung Stunde schlagen.

Schlagen wird die Stunde, ihr Herrn von Blei’s u. Pulvers Gnaden, Wo das Volk euch für u. für Wird zum Strafgerichte laden.

Unterdessen treten wir Still der Fremde harte Treppen, Folgen unserem Panier Stolz durch des Exiles Steppen.

Der Verbannten Busen ist Stets der Freiheit Bundeslade, Ihrer Sehnsucht Aug’ bemißt Scharf der Prüfung Wüstenpfade.

Sieht die Pharaonen winken Grimm herbei ihr zahllos Heer, Sieht sie sinken u. ertrinken In der Rache rotem Meer.

Seht ihr grünen in der Ferne Deutscher Zukunft Kanaan? Traut, Gefährten, traut dem Sterne, Der geleuchtet uns voran,

Der einst der Begeistrung Gluten Fracht in unsern Söhnen an, Wenn wir unterwegs verbluten, Treten frisch sie auf den Plan.

Aber horch! der Anker fällt Und das Schiff stößt an den Strand. Sei gegrüßt, o Alpenwelt, Sei gegrüßt, o freies Land!

Gönn’ dem kranken Flüchtigen, Wie du pflegst, ein mild Asyl, Um sich zu ertüchtigen Bald zu neuem Kampfesspiel!

Sieh, die Abendsonne malt Rings die Höh’n mit Zukunftsfarbe, Daß der alte Säntis strahlt Eine Purpurflammengarbe!

Welch ein glücklich Vorbedeuten! Zuversicht u. Mut im Blick Will die Fremde ich beschreiten